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Verkaufsautomaten

Eisern stumm und stets im Dienst

Was mit einem Weihwasserspender beginnt, führt 2 000 Jahre später in Deutschland zu enormen Veränderungen – der Verkauf mittels Maschinen. Mit der Zeit entwickelt sich eine enorme Vielfalt. Die Coronapandemie verleiht dem Vertriebsweg aktuell wieder neuen Schub.

Von Marvin Brendel 02.03.2021

© GettyImages, ullsteinbild

Was das Herz begehrt: 1960 eröffnet in Basel eine Automaten­straße, die gleichermaßen Spielwaren wie Drogerie- und Elektroartikel führt.

Bereits in der Zeit um die Geburt Jesu Christi entwickelt der griechische Ingenieur und Mathematiker Heron von Alexandria den ersten dokumentierten Verkaufsautomaten – einen Weihwasserspender. Eine eingeworfene Münze drückt mit ihrem Gewicht kurzzeitig das Ende eines Hebels hinunter, am anderen Ende öffnet sich ein kleines Ventil und gibt etwas Wasser frei.

Ihren Durchbruch erleben Verkaufsautomaten jedoch erst mit der industriellen Massenfertigung von Automaten und passenden Verkaufsartikeln im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Anfänglich zählen vor allem Briefmarken, Postkarten, Zigarren oder Kaugummis zum Sortiment. Doch bald finden auch viele andere Produkte ihren Weg in die Warenschächte – in den USA sogar rechtskonforme Scheidungspapiere zum Ausfüllen für 2,50 US-Dollar in Münzen.

In Deutschland treibt vor allem der Kölner Schokoladenfabrikant Ludwig Stollwerck die Entwicklung des neuen Vertriebswegs voran. In seinem Auftrag konstruieren der Ingenieur Max Sielaff und der Metallindustrielle Theodor Bergmann ab 1887 einen „selbstthätigen Verkaufsautomaten“ für die Stollwerck'schen Süßwaren. Die gusseisernen Automaten treffen den Geschmack der Zeit: 1893 stehen bereits 15 000 Stück im Deutschen Reich.

Beflügelt durch den Erfolg, gründen Stollwerck, Sielaff und Bergmann im Folgejahr die Deutsche Automatengesellschaft Stollwerck & Co., die auch Apparate für andere Produkte produziert und betreibt. 1896 eröffnet das Unternehmen in Berlin das erste „Automat“-Restaurant. Alle Gerichte und Getränke gibt es nur aus Automaten – in Selbstbedienung, ohne langes Warten, ohne Trinkgeld. Das Konzept erregt große Aufmerksamkeit und breitet sich schnell aus, nicht nur in Deutschland.

Um die Jahrhundertwende beginnen weitere deutsche Markenhersteller, ihre Produkte über Verkaufsautomaten anzubieten. Darüber freuen sich viele Einzelhändler, die ihren Kunden auf diesem Wege außerhalb der Geschäftszeiten Waren verkaufen können. Doch der Erfolg ruft auch Kritiker auf den Plan. Sie fürchten eine „Entpersönlichung“ des Verkaufs, Arbeitsplatzverluste und unlauteren Wettbewerb durch die ständige Konsumverfügbarkeit nach Ladenschluss. Die Behörden reagieren mit Sondersteuern und Verordnungen, um die Aufstellung und Nutzung der eisernen Verkäufer einzuschränken.

Inflation bremst Automaten aus

Insgesamt erleben Verkaufsautomaten im 20. Jahrhundert weltweit einen rasanten Aufschwung. In Deutschland verläuft er zeitweilig jedoch sehr holprig: Nach dem Ersten Weltkrieg bremst die ausufernde Inflation die noch auf Münzbasis operierenden Apparate aus – Geldscheine akzeptieren sie erst ab den 1950er-Jahren. Für weitere Einschränkungen sorgen die Nationalsozialisten, die unter anderem Warenhäusern, Kleinpreisgeschäften und Konsumgenossenschaften den Betrieb von Verkaufsautomaten verbieten.

Doch ab Mitte der 1950er-Jahre erleben die stummen Verkäufer hierzulande ein rasantes Comeback. Dazu tragen Weiterentwicklungen in der Automatentechnik ebenso bei wie die Aufhebung verschiedener gesetzlicher Beschränkungen und die Gewöhnung der Kunden an das Prinzip der Selbstbedienung.

Sorge um Arbeitsplätze

1957 gibt es schätzungsweise rund 200 000 Verkaufsautomaten in der Bundesrepublik, die zu dieser Zeit noch hauptsächlich mit Zigaretten und Süßigkeiten bestückt sind. Doch bald kommen Kalt- und Heißgetränke hinzu, ebenso Snacks und auch speziellere Produkte wie Strümpfe, Kugelschreiber oder sogar Blumen. Die Presse prophezeit „Automatenbatterien als Supermärkte“ und sieht viele Arbeitsplätze im Verkauf bedroht.

Tatsächlich eröffnet 1964 in Köln die erste Automatenstraße Deutschlands. Auf 25 Metern Länge bieten verschiedene Automaten eine breite Produktpalette für den täglichen Bedarf, darunter auch gekühlte Milch sowie Fleisch- und Wurstwaren. Zwar wird die Idee rasch in anderen Städten übernommen, doch auf Dauer kann sie sich gegen die Konkurrenz der Supermärkte und Discounter nicht durchsetzen.

Insgesamt erfreuen sich Verkaufsautomaten aber bis heute – trotz des zwischenzeitlichen Niedergangs der Zigarettenautomaten – einer hohen Beliebtheit. Elektronisch gesteuert und mit bargeldlosen Zahlungssystemen ausgestattet, setzen sie jährlich rund drei Millionen Euro um. Als „Regiomaten“ erobern sie zudem die lokale Direktvermarktung. Über sie vertreiben Landwirte Produkte wie Eier, Kartoffeln, Marmelade oder Wurstwaren an Dorfstraßen.

Für einen weiteren Aufschwung der Automatenbranche sorgt die Coronapandemie. Denn während Läden schließen müssen, bleibt der Verkauf über Automaten erlaubt. Und wer weiß, vielleicht führt der Wunsch nach Kontaktreduzierung sogar zu einem Revival von Automatenstraßen und Automatenrestaurants.

Schlagworte: Meilensteine des Handels, Coronakrise, Coronavirus, Verkaufsautomaten

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