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Nachhaltigkeit

E wie Einkaufsnetz

Umweltbewusstsein erwarten Kunden vom Einzelhandel nicht allein in Hinblick auf Sortiment und Lieferketten. Auch mit klugen Mobilitäts- und Logistiklösungen können Unternehmen punkten. Was Händler aktiv zur Nachhaltigkeitswende beitragen.

Von Eva Neuthinger 19.02.2021

© Aldi Süd

Klimafreundlich: Rund 200 ausgewählte Standorte hat Aldi Süd im vergangenen Jahr mit Elektroladestationen ausgestattet.

Aldi Süd unterstützt Elektromobilität: Seit mehr als fünf Jahren installiert der Discounter auf seinen Parkplätzen E-Ladestationen, vor allem in den Großstädten und in der Nähe von Autobahnen. Die Kunden können die bislang 86 Zapfsäulen während der Filialöffnungszeiten kostenlos ohne Registrierung nutzen. Teilweise handelt es sich um sogenannte Schnellladesäulen, die 50 Kilowatt (kW) Leistung bringen; die meisten arbeiten mit 22 kW.

Aldi Süd ermittelte im ersten Schritt den Bedarf der Kunden und stellte fest, dass dieser in Großstädten am höchsten ist. Viele E-Autofahrer haben dort keine Möglichkeit, ihren Wagen nachts zu Hause aufzuladen. Außerdem hat der Händler das Einkaufsverhalten erforscht. In einem Gastbeitrag für den Leitfaden „Elektromobilität im Handel 2020“ des EHI Retail Institute schreibt Simone Kohlhaas, Logistics Specialist bei Aldi Süd: „Die Verweilzeiten der Kunden betragen während eines Lebensmitteleinkaufs unter einer Stunde.“ Deshalb endet ein Ladevorgang prinzipiell nach 60 Minuten. „Während der Sonnenstunden werden die Elektroautos mit Strom aus unseren eigenen Fotovoltaikanlagen aufgeladen. Sonst tanken die Kunden zertifizierten Grünstrom“, schreibt Kohlhaas weiter.

EU setzt bei Ladepunkten auf den Handel

Der Discounter zählt, ähnlich wie die Schwarz-­Gruppe, zu den Vorreitern. Jede der fast 4 000 Lidl- und Kaufland-Filialen soll mittelfristig mit mindestens einer Säule ausgestattet sein. Auch Ikea, Rewe, Hagebau, Hornbach oder Metro engagieren sich für die E-Mobilität. „Handelsunternehmen mit Parkplätzen sind strategisch wichtige Akteure für den Aufbau von Ladepunkten“, meint Lars Reimann, Abteilungsleiter Energie- und Umweltpolitik beim HDE.

Die Politik macht deshalb Druck: Seit Mai sind Händler nach der EU-Gebäudeeffizienzricht­linie verpflichtet, für neue und grundlegend sanierte Gebäude mit mehr als zehn Stellplätzen mindestens einen Ladepunkt zu errichten. Ab 2025 soll es auch für bestehende Nicht-Wohngebäude mit mehr als 20 Parkplätzen eine solche Tankstationspflicht geben. „Einzelhändler, die einen größeren Parkplatz betreiben, müssen sich mit dem Aufbau von mindestens einem Ladepunkt aber schon jetzt auseinandersetzen“, sagt Laura Fleischmann, Projektleiterin E-Mobilität beim EHI (siehe Interview unten).

In dem vom EHI in Kooperation mit dem HDE und dem Fraunhofer IAO erstellten 40-seitigen Leitfaden sind unter anderem Hinweise enthalten, wie Firmen ein solches Projekt am besten angehen – von der Planung bis zur Realisation. Bislang hat der Handel nach einer EHI-Umfrage aus dem Jahre 2019 etwa  1 000 Ladesäulen auf Parkplätzen installiert. Ein Service, mit dem die Firmen bei klimaorientierten Kunden punkten.

Warenströme besser synchronisieren

Ein weiterer Ansatz zur Kundenbindung sind nachhaltige Konzepte auch in der Logistik – und zwar bis zur Letzten Meile. Beispielsweise geht es darum, durch intelligente Software die Warenströme noch besser zu kombinieren und zu synchronisieren. Dies reicht bis zur „antizipativen Logistik“ – einem Verfahren, das sich Amazon hat patentieren lassen. Dabei wird die Bestellhistorie eines Kunden analysiert, daraus sein künftiges Bestellverhalten abgeleitet und auf dieser Basis eine Auslieferung schon vorbereitet und eingeplant, bevor die Bestellung tatsächlich getätigt wurde.

Intelligente Software steht auch bei der mittelständischen Firma Isfort Bürosysteme in Münster auf dem Plan. Das Unternehmen setzt diese ein, um die Routenplanung zu optimieren und die Verkehrslage oder Standzeiten zu berücksichtigen. Seit einem guten Jahr bietet Isfort seinen B2B-Kunden ab einem Bestellwert von 50 Euro einen kostenlosen regionalen Lieferservice mit E-Lastenrädern – umweltschonend mit Mehrwegbehältern. „Wir können Same-Day-Delivery in bis zu drei Stunden Lieferzeit schaffen“, sagt Geschäftsführerin Daniela Isfort.

Emissionsfreien Kurierdienst nutzen

Die E-Bikes haben ein Ladevolumen von bis zu 300 Kilogramm. Etwa 100 Pakete erreichen die Kunden täglich innerhalb eines Radius von maximal 15 Kilometern. Das deckt rund 80 Prozent der Bestellungen ab. Für weitere Lieferungen bis zu 50 Kilogramm kommt künftig ein E-Sprinter zum Einsatz. „Unseren Lieferservice bieten wir als Dienstleistung auch anderen Einzelhändlern in Münster an“, sagt Isfort. Sie gründete für ihren emissionsfreien Kurierdienst eigens die Tochtergesellschaft Leezenkiepe. Leezen steht im Dialekt für Fahrrad. Der Kiepenkerl ist ein fahrender Händler.

„Neue Chance zur Kundenbindung“

 

Frau Fleischmann, gemäß EU-Richt­linie sollen Händler zur Verbesserung der Gesamtenergieeffizienz die E-Mobilität mit Ladestationen unterstützen. Wer ist von den Regeln betroffen?

Sofern Einzelhändler mehr als zehn Parkplätze haben und ihre Gewerbeimmobilien entweder neu oder grundlegend umbauen, müssen sie eine Ladestation vorhalten. Gleiches gilt, wenn bei einer größeren Renovierung die Kosten des Projekts 25 Prozent des Gebäudewertes überschreiten. Wobei nicht – wie von Brüssel zunächst vorgesehen – für jeden zehnten Parkplatz ein Ladepunkt zu errichten ist, sondern immer mindestens einer, auch bei weit mehr als zehn Stellplätzen.

Wie gehen Einzelhändler die Planung an, wenn sie für Ladeinfrastruktur sorgen wollen?

Im ersten Schritt sollte mit dem Vermieter geklärt werden, wer für den Aufbau der Ladepunkte zuständig ist. Denn das kann nach der Richtlinie der Eigentümer oder der Vermieter sein. Es ist auch noch offen, ob kleine und mittlere Unternehmen möglicherweise ohnehin ausgenommen werden. Einzelhändler sollten sich also informieren, was von ihnen erwartet wird, und dann entscheiden, was sie ihren Kunden bieten wollen.

Taugen solche Ladestationen auch als Instrument der Kundenbindung?

Die E-Mobilität bietet dazu sicherlich gute Chancen. Je strategischer ein Unternehmen das Laden von E-Fahrzeugen und zusätzliche Mehrwertdienste verfolgt, desto größer ist der Effekt auf Kundenbindung und Einkaufsfrequenz bestimmter Zielgruppen.

Schlagworte: Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Logistik, Mobilität

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