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Logistik

„Blockchain ist kein Hexenwerk“

In der Krise sucht die Modeindustrie nach Wegen, Supply-­Chain-Prozesse zu digitalisieren und dem Nachhaltigkeitsanspruch gerecht zu werden. Christian Schultze-Wolters, Geschäftsbereichsleiter Blockchain ­Solutions bei IBM, über Transparenz und die Vermenschlichung der ­Lieferkette.

Von Ralf Kalscheur 16.11.2020

© GettyImages/Thatree Thitivongvaroon

Blockchain-Technologie kann eine wichtige Rolle dabei spielen, die Supply Chain zu modernisieren, meint IBM-Experte Christian Schultze-Wolters.

Die Coronapandemie hat gezeigt, wie anfällig das System global verzweigter Lieferketten ist, wenn irgendwo am anderen Ende der Welt plötzlich ein Zulieferer ausfällt. Wie lässt sich die Supply Chain krisenfester gestalten?

Die Schwächen in der Supply Chain, bezogen auf Transparenz, auf Konsistenz, auf Medienbrüche, bestehen schon länger, sie treten aber mit wachsender Komplexität der Lieferkette zunehmend deutlicher zutage. Gerade in der Logistik sind noch viele Abläufe papierabhängig, langsam und ineffizient organisiert. Blockchain-Technologie kann eine wichtige Rolle dabei spielen, die Supply Chain zu modernisieren. In der Hochphase der Coronakrise produzierte die Modeindustrie Mundschutzmasken und die Autoindustrie Ventilatoren, obwohl beide Branchen nicht in das klassische Ökosystem des Gesundheitssektors gehören. Wir brauchen mehr Flexibilität in der Lieferkette, weil sich Teilnehmer in diesen zunehmend komplexer werdenden Ökosystemen ändern.

Um die Kontrolle über die Lieferketten zu wahren, setzen Unternehmen verstärkt auf regionale Zulieferer. Eine Entwicklung, die sich mit den steigenden Nachhaltigkeitsanforderungen von Verbrauchern trifft …

Ich glaube, dass der Kreis derer, die auf Nachhaltigkeitsaspekte achten, noch nicht so groß ist. Doch nachwachsende Generationen messen diesem Thema eine höhere Bedeutung bei und treiben die Nachfrage nach Transparenz in der Lieferkette. Sie möchten beim Einkauf wissen, unter welchen Bedingungen etwa Lebensmittel oder Mode-Artikel hergestellt und kontrolliert wurden. Corona hat den Transparenzbedarf in den vergangenen Monaten offengelegt und befeuert. Denken Sie an die Vorfälle in der fleischverarbeitenden Industrie, die ein unglückliches, aber anschauliches Beispiel dafür geben. Transparenz wird immer wichtiger, um das teils verloren gegangene Vertrauen von Verbrauchern wiederzuerlangen und die Kundenbindung zu erhöhen.

Welche Rolle spielt Blockchain-Technologie dabei?

Wenn die fragmentierten Produktdaten aller Teilnehmer an der Wertschöpfungskette – vom Bio-Baumwollbauern in Uganda über die einzelnen Produktionsschritte bis in den Handel – in einer zentralen Datenbank zusammenlaufen, dann gestaltet sich die Rückverfolgung schwierig, da die Zusammenarbeit aller Beteiligten nur bedingt vertrauensvoll ist. Denn diese zentrale Datenbank gehört einem Unternehmen aus der Kette, sei es zum Beispiel eine Modemarke oder eine Färberei. Die anderen Teilnehmer geben also ihre Daten an einen Dritten, haben keinen unmittelbaren Zugriff mehr darauf und wissen gegebenenfalls nicht, was der damit macht. Bei der Blockchain-Technologie geht es hingegen um dezentrale Datenhaltung, die Unternehmen in der Lieferkette agieren gleichberechtigt auf derselben Plattform und somit auf Augenhöhe. Die abgelegten Dokumente, wie etwa Bio- oder Herkunftszertifikate, können nicht nachträglich verändert oder gelöscht werden und stehen allen Teilnehmern nahezu in Echtzeit zur Verfügung.

Wie erreicht diese Vertrauensbotschaft den Verbraucher?

Über einen QR-Code auf dem Produkt kann der Verbraucher alle relevanten Fakten transparent herauslesen. Wir sind gerade dabei, mit einem deutschen Unternehmen aus dem Bereich der Arbeitsbekleidung eine entsprechende blockchainbasierte Lösung zu entwickeln – und beziehen uns dabei konzeptionell auf einen Anwendungsfall aus dem Lebensmittelbereich: Gemeinsam mit Nestlé und Carrefour stellen wir dem Verbraucher in Bezug auf ein Kartoffelpüree-Produkt Informationen über alle Stationen in der Lieferkette zur Verfügung. Die Visualisierung zeigt, in welchem Land und – per GPS-Koordinaten – wo genau der Bauer die Kartoffeln aussät und welche Düngemittel er benutzt. Der Landwirt hat die Gelegenheit, seinen Betrieb per Video vorzustellen. Nach der Ernte kommt die Ware zu Nestlé, wo die Wareneingangskontrolle und das Qualitätsmanagement dokumentiert werden – bis hin zu dem Mitarbeiter, der für die Qualitätskontrolle der Einzelpackung verantwortlich ist, die der Verbraucher gerade in der Hand hält. Auch die Logistik und die Lieferung in den Carrefour-Supermarkt werden über den QR-Code abgebildet.

Wie kann ein kleinerer Player in der Textilbranche davon profitieren, der sich nachhaltig und transparent präsentieren möchte?

Blockchain-Technologie hat heute die Reife, verschiedene Businessprobleme zu lösen, und ist kein Hexenwerk. Mit dem zuvor angesprochenen Arbeitsbekleidungsunternehmen, Kaya & Kato aus Köln, übrigens ein typischer Mittelständler, haben wir in einem Workshop zunächst die Bedarfslage ermittelt. Wir bringen unser in Projekten mit internationalen Konzernen erworbenes Blockchain-Know-how und der Mittelständler sein detailliertes Branchenwissen über die Supply Chain ein. Das kann, unabhängig von der Größe, fast jedes Unternehmen mit Technologiepartnern initial bewerkstelligen.

Wie genau geht das vonstatten?

Wir bauen innerhalb von zwei Monaten gemeinsam ein Minimal Viable Product mit Grundfunktionalitäten, die den Prozess im Kleinen anhand ausgewählter Teilnehmer an der Lieferkette abbilden. Im zweiten Schritt entsteht im nächsten Jahr eine Pilotplattform, ein Ökosystem, bei dem wir weitere Unternehmen – Hersteller und Händler – hinzuziehen werden, um den Ressourcenaufwand auf die Partner zu verteilen. Die Transparenz in der Lieferkette – also unter anderem das Wissen darum, wo sich gerade wie viel Ware befindet – ist auch entscheidend dafür, die Supply Chain im Hinblick auf das Warenmanagement im Textilhandel bedarfsgerecht zu optimieren und Lagerbestände zu reduzieren.

Zur Person

Christian Schultze-Wolters ist Geschäftsbereichsleiter Blockchain Solutions bei IBM für die Regionen Deutschland, Österreich und Schweiz. Der Manager ist seit 1992 für das Unternehmen im Vertrieb tätig.

Schlagworte: Lieferkette, Nachhaltigkeit, Transparenz, Supply Chain, Blockchain, Coronakrise, Coronavirus, Interview

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