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Baumarktbranche

Neues schaffen

Bau- und Gartenfachmärkte gelten als Gewinner der ­Coronawirren. Diese oft verbreitete, aber zu simple ­Medienbotschaft ­verkennt, dass die DIY-Branche schon­­ zuvor einen weitreichenden Veränderungsprozess eingeleitet hat. Wie sich die Branche erfolgreich neue Spielfelder eröffnet.

Von Peter Wüst, Hauptgeschäftsführer, und Jörn Brüningholt, Leitung Kommunikation, BHB 01.12.2020

© Create by OBI

Frischer Wind: Obi will mit dem Ladenformat „Create!“ auf kleiner Fläche junge Städter ansprechen.

Amazon und andere Onlineplayer haben Eindruck hinterlassen: Ihr massiver Einfluss auf das Wohl und Wehe anderer Branchen hat die Vordenker im DIY-Handel und dessen Lieferanten nicht nur aufhorchen, sondern auch sichtbar agieren lassen. Dass ein Baumarkt heute keineswegs mehr ein vollgestopfter Abholmarkt mit eher notdürftigem Service ist, wie Kritiker oft behauptet haben – diese Botschaft ist schon vor Corona beim Käufer angekommen. Im für diesen Wandel notwendigen Veränderungsprozess entwickelte die DIY-Branche immense Spielfreude – freilich immer mit dem klaren Ziel, die eigene Existenzberechtigung zu sichern, Neues umzusetzen und Marktanteile auszubauen.

Dass diesen Weg Köche einfacher Rezepte nicht erfolgreich beschreiten können, ist jedem Handelsstrategen klar. Und ebenso klar ist, dass der traditionell eher passive Handel qua Prozess zum „Best Buddy“ eines neuerdings ungebundenen, wechselfreudigen und digitalaffinen Kunden werden muss. Eine enorme Herausforderung für eine Branche, der man Geschwindigkeit und Veränderungsbereitschaft bislang nicht unbedingt zugeschrieben hat ­– und deren Zugang zu einer jungen Generation von Nicht-Selbermachern gar schon bezweifelt wurde.

Flächen kreativ verändern

Umso mehr sind individuelle wie unkonventionelle Lösungen gefragt. Ein einfaches Aufsatteln von Onlineshops reicht jedenfalls nicht – diese Erfahrung haben alle Big Player in der Branche bereits gemacht. Es gilt, die teuren Verkaufsflächen kreativ so zu verändern, dass sogar online-affine Jung-Urbanisten Spaß am Besuch, Entdecken und Ausprobieren haben: ein loungiges Café, in dem sich weit angenehmer über künftige Bodenbeläge sinnieren lässt als an einer hemdsärmeligen Bäckertheke. Eine topaus­gestattete Werkstatt, in der sich, Corona einmal weggedacht, Hobby-Heimwerker zum Werken und geselligen Austausch treffen – Profi-Begleitung inklusive. High-End-Bad- und Küchenausstellungen, die in nichts mehr an die kargen Kojen im Schwerlastregal erinnern. Das alles gibt es bereits.

Auch die Formate verändern sich – individuelle Pop-up-Stores in hochfrequentierten Szenequartieren tragen im Kleingedruckten plötzlich die Namen traditioneller Baumarktunternehmen. Auf kleiner Fläche finden sich Material zum Selberbau trendiger Kupferrohr-Accessoires, Pflanzen und Geräte für Mini-Balkongärten, edle Farben für die Hinguckerwand im Stadtappartement. Die Anbindung der Trendstores an das „Verkaufsmutterschiff“ ist feinsinnig-​dezent gehalten.

Ausrichtung an Megatrends

Recht verstanden: Baumärkte mutieren nicht flächendeckend zur Hipster-Bude. Das Brot- und Buttergeschäft werden die Händler weiterhin mit klassischen Sortimenten machen, aber auch dort verändern sich Verkaufsflächen und Warenangebote immens. Smart-Home-Produkte beispielsweise erobern Installations-, Eisenwaren- und Lampenabteilung und sogar das Gartencenter.

Das ist das eine. Aber für einen Platz im Herzen der Gesellschaft benötigen die Branchenplayer unbedingt Glaubwürdigkeit, also die klar erkennbare Ausrichtung an gesellschaftlichen Megatrends. Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, Umweltbewusstsein, Verantwortung für Mitarbeiter – auch beim Produzenten: Dies alles wird spürbar nicht allein in den Sortimenten, sondern auch und vor allem in den Prozessen. Die Vorreiter der Branche sind deshalb längst auf dem Weg, Supply Chains aufzuklaren, Logistik „grün“ zu gestalten und klare Regeln zu definieren.

Erfolge sind bereits sichtbar. Ebenso eine neue Akzeptanz, die der Branche nun in der Coronakrise hilft. Eine vom BHB in Auftrag gegebene Studie des Forschungs- und Beratungsunternehmens Service Barometer belegt Erstaunliches: 81 Prozent der Befragten haben seit Pandemiebeginn im Bau- und Gartenmarkt eingekauft – bislang ungekannte Werte. Und es kommen alle Altersgruppen: von den 16- bis 29-Jährigen (83 Prozent) bis hin zu den über 70-Jährigen (76 Prozent).

Das ist natürlich nicht allein einem erfolgreichen Change-Prozess zuzuschreiben, sondern auch dem Trend zum Cocooning, der bereits im Jahr 2019 der Branche ein Zehnjahres-Umsatzhoch beschert hat. In einer Krise, die alle Menschen an ihr Zuhause bindet, intensiviert sich dieser Effekt. Denn gerade jetzt wächst die Lust aufs Umgestalten, Aufwerten, Reparieren und Dekorieren. Diesen Schwung kann und muss und wird die DIY-Branche nutzen.

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Schlagworte: Coronavirus, Coronakrise, Baumarkt, DIY-Branche

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