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Inventurdifferenzen

„Diebe hatten wenig Gelegenheit, Läden zu betreten“

Die Coronapandemie hatte allen Erschwernissen zum Trotz für den Handel wenigstens ein Gutes: Die Zahl der Ladendiebstähle ging zurück. Horst Frank, Leiter des Fachbereichs Inventurdifferenzen beim EHI Retail Institute, spricht darüber im Interview.

Von Jens Gräber 08.10.2021

© iStock Getty Images/Mikhael Rudenko

Die Zahl der in der polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Ladendiebstähle sank im ersten Coronajahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr um fast sieben Prozent.

Die Pandemie stellte die Handelsbranche vor enorme Herausforderungen – eine Ausnahmesituation, wie sie Kriminelle oft ausnutzen. Wie ist zu erklären, dass die Zahl der Ladendiebstähle während dieser Zeit gesunken ist?
Wir sehen den wesentlichen Grund darin, dass Diebe schlicht weniger Gelegenheit hatten, Läden zu betreten. In dieser Hinsicht erging es ihnen nicht anders als der Bevölkerung insgesamt, deren Einkaufsverhalten durch Lockdowns und Begrenzungen der maximalen Kundenzahl in Geschäften eingeschränkt war. Wie stark sich dies auswirkte, sehen wir auch daran, dass der Handel im vergangenen Jahr etwa zwei Milliarden Transaktionen weniger verbuchte.

Wie deutlich fiel der Rückgang der Straftaten aus?
Die Zahl der in der polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Ladendiebstähle sank im ersten Coronajahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr um fast sieben Prozent. Im Vergleich zur Gesamtzahl aller Straftaten, die sich lediglich um rund zwei Prozent reduzierte, bedeutet das einen sehr deutlichen Rückgang. Die Verluste durch Ladendiebstahl fielen sogar mehr als zehn Prozent geringer aus als im Vorjahr. Wo sie im Verhältnis zum Umsatz stiegen, etwa im Bekleidungshandel, liegt das darin begründet, dass die Umsätze noch stärker zurückgingen als die diebstahlbedingten Verluste.

Müssen Händler beim Ladendiebstahl einen Nachholeffekt fürchten, sobald alle pandemiebedingten Beschränkungen entfallen?
Betrachten wir den Diebstahl durch organisierte Banden, erscheint das durchaus möglich. Ihre Mitglieder betreten häufig als Gruppe einen Laden, um das Personal während der Tat abzulenken – Begrenzungen der Kundenzahl erschwerten dieses Vorgehen. Zudem reisen diese Täter häufig umher und überschreiten dabei Landesgrenzen, was ihnen während der Pandemie aufgrund von Mobilitätsbeschränkungen schwerfiel. Fallen die Beschränkungen, ist anzunehmen, dass sie verstärkt aktiv werden. Wir gehen allerdings davon aus, dass nur etwa ein Viertel der Ladendiebstähle von Banden begangen wird, in den übrigen Fällen handelt es sich um Gelegenheitstäter.

Während der Pandemie erfuhr der Handel enorme Nachfrageverschiebungen: Desinfektionsmittel beispielsweise, FFP2-Masken oder Coronatests waren zeitweise teuer und nur schwer zu bekommen. Produkte, die auch bei Dieben begehrt waren?
Darüber liegen uns keine Erkenntnisse vor. Die Unternehmen melden uns, dass weiterhin vor allem die Klassiker gestohlen werden: kleine, aber relativ hochpreisige Produkte wie etwa Rasierklingen oder Parfüms. Es gibt aber auch neue Tendenzen, so werden im Baumarktbereich verstärkt Geräte mit Akku gestohlen. Das hat aber nicht mit der Pandemie zu tun, sondern liegt schlicht daran, dass diese Geräte bei Verbrauchern gut ankommen. Somit sind sie auch für Diebe attraktiv, da sie sich leicht weiterverkaufen lassen.

Wie steht es um die Diebstahlprävention in Zeiten der Coronakrise?
Die massiven Umsatzrückgänge, die viele Einzelhändler verkraften mussten, führten dazu, dass die Branche 2020 im Vergleich zum Vorjahr gut zehn Prozent weniger für vorbeugenden Diebstahlschutz ausgab. So reduzierten viele Unternehmen beispielsweise den Einsatz von Detektiven, die auf verdächtige Kunden im Laden achten.

Welches Verhalten verrät den potenziellen Straftäter?
Wenn zum Beispiel jemand in den Supermarkt kommt, als erstes zur Kasse geht, um sich Zigaretten in den Einkaufswagen zu legen, und erst danach weiter einkauft. Oder wenn jemand Artikel wie Rasierklingen in einer ungewöhnlich großen Menge aus dem Regal nimmt. Beides wäre für einen Ladendetektiv verdächtig und ließe ihn annehmen, dass die eingepackte Ware ohne sein Einschreiten nicht auf dem Kassenbon landen wird.

Wie können sich Unternehmen schützen, die sich keinen Ladendetektiv leisten können?
Am Ende geht es immer darum, für potenzielle Täter das Risiko, erwischt zu werden, zu erhöhen – dann geht die Zahl der Diebstähle zurück. Das kann auch durch technische Lösungen gelingen, etwa Warensicherungssysteme oder Analysetools, die Kamerabilder mittels einer Künstlichen Intelligenz auswerten und so verdächtiges Verhalten erkennen. Aber natürlich kosten solche Systeme ebenfalls Geld, und anders als ein Detektiv können sie verdächtige Vorkommnisse nur melden, nicht jedoch einschreiten. Letztlich sind es ohnehin zumeist die Mitarbeiter, die Diebstähle verhindern, indem sie Verdächtige ansprechen oder festhalten. Ihnen sollte durch Schulungen unbedingt das richtige Verhalten in solchen Situationen vermittelt werden, damit sie sich und andere nicht gefährden.

Inventurdifferenzen im Handel

Mit Abstand der größte Teil der im Handel erfassten Inventurdifferenzen ist laut einer Studie des EHI Retail Institute auf Diebstahl durch Kunden zurückzuführen, doch auch Beschäftigte, Lieferanten oder Servicekräfte entwenden Ware. Ein nicht zu vernachlässigender Teil der Differenzen geht allerdings nicht auf Straftaten, sondern organisatorische Defizite wie falsch erfasste Wareneingänge zurück.

Schlagworte: Ladendiebstahl, Diebstahlprävention, Diebstahl

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