Lebensmittelhandel

Die Perfektion des Kreises

Die Pandemie hat den E-Food-Markt hierzulande belebt. Experten raten jedoch: Um den Erfolg zu verstetigen, müssten Händler ihr Geschäftsmodell insgesamt verändern. Als Vorbild könnte der junge Bremer Omnichannel-Anbieter My Enso dienen.

Von Jens Gräber 16.02.2021

© MyEnso

Kundenzentriert: In Tante-Enso-Läden kann der Konsument mitbestimmen, indem er neue Produkte ausprobiert und bei Gefallen ins Sortiment wählt.

Die My-Enso-Gründer Thorsten Bausch und Norbert Hegmann geben ein vollmundiges Versprechen: Der Kunde mit seinen Wünschen soll radikal im Mittelpunkt stehen und irgendwann seinen ganz eigenen Shop konfigurieren können – nicht nur im Hinblick auf das Sortiment, sondern auch auf den Bestell- und Lieferprozess. „Eine Vision“, wie Bausch einräumt.

Seit Mai 2018 ist der Onlineshop im Netz, das Sortiment umfasst inzwischen rund 20 000 Artikel zu marktüblichen Preisen, die ohne Extrakosten in 30 deutsche Städte geliefert werden. Bisher stellte die Hermes-Tochter Liefery die Ware zu, die jedoch zum Jahresende den Betrieb eingestellt hat. Vorübergehend liefert nun DHL, künftig soll der junge Zustelldienst Fairsenden als neuer Partner die Onlinekunden versorgen.

Starthilfe für Food-Unternehmer

Deren Zahl ist 2020 gewachsen. Auch der Umsatz von My Enso habe sich während der Pandemie im Vergleich zu 2019 auf niedrigem Niveau verdreifacht, so Bausch. Das Interesse am Onlinekauf von Lebensmitteln werde nach Ende der Krise allerdings wieder nachlassen, glaubt er. Eine Prognose, die von einer Studie des Beratungsunternehmens Bearing Point gestützt wird. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine dauerhafte Bindung der Onlinekunden nur gelinge, wenn der Kauf im Netz einen Mehrwert gegenüber dem Besuch des stationären Supermarktes biete.

My Enso will das etwa mit überlegenen Nischen-Sortimenten erreichen. Dazu gehören vegane und Bioprodukte, außerdem rund 1 000 Produkte von Food-Start-ups, Manufakturen und regionalen Herstellern. Zudem sammelt das Unternehmen emsig Rückmeldungen seiner 60 000 angemeldeten Kunden ein: zu neuen, bereits angebotenen oder für die Zukunft gewünschten Produkten, aber auch zum Bestellprozess an sich. Auf dieser Basis soll sich die Customer Experience stetig verbessern. Dafür stehe auch der Name My Enso, erklärt Bausch: Der freihändig gezeichnete Kreis (japanisch: Enso) symbolisiere das nie endende Streben nach Perfektion.

Die gewonnenen Marktforschungsdaten verkauft My Enso außerdem mit Zustimmung seiner Kunden an Hersteller – eine zusätzliche Einnahmequelle. Um ausgewählte Food-Start-ups zu binden, erhalten diese kostenlosen Zugang und weitere Unterstützung. Das kommt gut an, etwa bei Nils Schröder (siehe Kurzinterview unten), der mit seiner Eiscreme-Manufaktur „Gutes Eis“ auf hochwertige Zutaten und eine ökologisch wie sozial nachhaltige Produktion setzt.

Auch im stationären Handel mischt My Enso mit und eröffnet Läden in kleinen Dörfern im ländlichen Raum. Der einprägsame Name: Tante Enso. Drei Läden gibt es bislang, der jüngste eröffnete im Oktober im niedersächsischen Schnega. Der lokale Lebensmittelhändler des 1 300-Einwohner-Ortes hatte kurz zuvor aufgegeben.

Teilautonome Läden auf dem Land

Wie sich das angesichts niedriger Margen im Lebensmittelhandel lohnt? Bausch rechnet vor: „Der Deutsche gibt pro Jahr 2.100 Euro für Lebensmittel aus. In Schnega existiert also ein Potenzial von 2,7 Millionen Euro.“ Zu wenig für Rewe, Edeka und Co., Enso allerdings setzt auf niedrige Betriebskosten durch kleine Flächen von 100 bis 200 Quadratmetern und teilautonome Läden, die nur drei bis vier Stunden am Tag mit Personal besetzt sind. Außerhalb dieser Zeit ermöglichen Zutrittskarte und Self-Check-out-Systeme den Einkauf.

„Ein pragmatisches und günstiges Low-Tech-Format“, urteilt Branchenkennerin Xenia Giese, die beim Softwarekonzern Microsoft Handelskunden betreut. Dass 300 Genossenschaftsanteile im Wert von 100 Euro gezeichnet werden müssen, bevor Tante Enso in einem Ort eröffnet, hält sie für eine intelligente Strategie: So werde von Beginn an Kundenbindung erzeugt.

1 000 bis 1 500 Produkte sind vor Ort verfügbar, jedoch können Kunden das gesamte online verfügbare Sortiment zur Abholung in den Laden bestellen, der perspektivisch auch als Logistik-Hub dienen soll. Ältere Einwohner, die die Online-Order scheuen, bestellen per Katalog und Zettel. Der Laden werde gut angenommen, so das erste Fazit von Schnegas Bürgermeisterin Annegret Gerstenkorn.

Bauschs und Hegmanns weitere Ziele: In diesem Jahr soll ein Franchise-Modell das stationäre Wachstum beschleunigen, das Finanzierungsziel liegt bei zehn Millionen Euro. Ehrgeizig, aber nicht unrealistisch, denn bislang glauben die Investoren an das Geschäftsmodell: Das Finanzierungsziel von fünf Millionen Euro für 2020 hat My Enso trotz der schwierigen Rahmenbedingungen fast erreicht. 

„ Der Verkauf über My Enso verschafft uns Reichweite“

Nils Schröder, Gründer der Eiscreme-Manufaktur „Gutes Eis“, über seine Erfahrungen mit My Enso als Vertriebspartner.

 

Wie ergab sich die Zusammenarbeit mit My Enso?

Ich lernte My-Enso-Gründer Thorsten Bausch 2019 bei einer Grillparty kennen. Er lud uns ein, unsere Produkte auf einer von My Enso eigens für Food-Start-ups organisierten Messe erstmals einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen – seitdem arbeiten wir zusammen.

Auf welche Weise profitieren Sie davon?

Ein solches Feedback zu meinen Produkten wie bei der Messe kriege ich als junger Unternehmensgründer sonst nirgends, ohne dafür bezahlen zu müssen. Seit wir im Februar 2020 offiziell unser Unternehmen gegründet haben, verschafft uns der Verkauf über My Enso Reichweite, um unsere Marke bekannt zu machen. Da wir die Messebesucher damals mit unseren Produkten überzeugt haben, werden wir nun zudem kostenlos fit gemacht, um unsere Ware auch bei anderen Händlern ins Sortiment zu bringen. Derzeit analysieren wir zum Beispiel gemeinsam mit einem My-Enso-Partner, der Beratungsfirma Bonsai, unsere Umsätze in mehreren Testmärkten.

Schlägt sich diese Unterstützung bereits in den Umsatzzahlen nieder?

Das ist schwer messbar, weil wir ein junges Unternehmen und die Umsätze deshalb überhaupt noch niedrig sind. Aber ohne My Enso hätten wir unser Eis wohl nicht so schnell an den Endverbraucher gebracht – das gilt gerade in Zeiten der Coronapandemie.

Schlagworte: Coronakrise, Coronavirus, E-Food, Omnichannel, Lebensmittelhandel

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