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Handelsverband Wohnen und Büro

Die letzte Messe ist längst nicht gesungen

Die Coronapandemie hat das Messegeschäft zeitweilig vollständig zum Erliegen gebracht. Doch weder digitale Veranstaltungen noch der Besuch individueller Showrooms beim Lieferanten können das klassische Format angemessen ersetzen.

Von Christian Haeser 17.11.2021

© Messe Düsseldorf

Volle Hallen: Veranstalter wie die Messe Düsseldorf sorgen für Begegnung und Austausch zwischen Herstellern und Handel.

Nachdem das Coronavirus seit mehr als eineinhalb Jahren das Tagesgeschehen beherrscht, ist es Zeit, Bilanz zu ziehen, inwieweit Fachhandel, Industrie und Messen sich gegenseitig bedingen. Zunächst die Fakten: Der Verband der deutschen Messewirtschaft (AUMA) berichtet, dass im Jahr 2020 mehr als 70 Prozent aller in Deutschland geplant en Messen abgesagt oder verschoben werden mussten. Für eine Reihe von Messen haben die Veranstalter Terminverschiebungen in die Jahre 2021 und 2022 beschlossen. Rund 50 digitale Ersatzveranstaltungen fanden 2020 statt. Aussteller konnten dadurch Kundenkontakte aufrechterhalten und online über Neuheiten informieren.

Nach dem ersten Lockdown wurden im September und im Oktober 2020 in Deutschland wieder größere Messen im Präsenzformat durchgeführt. Rund 20 Veranstaltungen haben ohne Probleme und mit gutem Erfolg stattgefunden. Darunter waren sowohl Publikumsmessen mit internationalem Charakter als auch Fachbesuchermessen mit regionalem bis nationalem Einzugsgebiet und internationaler Beteiligung. Insgesamt rund 270 000 Besucher dokumentierten das starke Interesse an den Veranstaltungen.

Die Absage der Messen in den Jahren 2020 und 2021 hatte aber nicht allein Einbußen für die direkt involvierten Akteure wie Veranstalter, Aussteller, Besucher und Dienstleister zur Folge, sondern auch gravierende gesamtwirtschaftliche Konsequenzen. Insbesondere Hotellerie, Gastronomie und das Reisebusiness haben die Auswirkungen auf das Allerhärteste zu spüren bekommen.

Präsenz bleibt unersetzbar

Der wirtschaftliche Verlust durch die Absage von Messen summierte sich laut dem Institut der Deutschen Messewirtschaft allein im laufenden Jahr auf bereits 19 Milliarden Euro. Branchenberechnungen zufolge sind 150 000 Arbeitsplätze gefährdet und dem Fiskus bislang drei Milliarden Euro Steuereinnahmen entgangen. Insgesamt sollen die Messeabsagen seit März 2020 zu gesamtwirtschaftlichen Verlusten in Höhe von 42 Milliarden Euro geführt haben.

Indessen ist eine lebhafte Diskussion darüber entbrannt, welche neue Rolle Messen nach der Pandemie einnehmen werden und ob sie als physische, virtuelle oder hybride Veranstaltung stattfinden sollen. Aus Sicht des stationären Fachhandels gilt jedoch, dass Messen so schnell wie möglich wieder in der gewohnten Form stattfinden müssen. Denn einzig als Präsenzveranstaltungen vermögen sie ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht zu werden: Marktplatz, Showroom und Networking-Gelegenheit für Handel und Industrie zu sein.

Einige Lieferanten lassen verlauten, dass sie die althergebrachte Messe nicht mehr benötigen oder ihre Ausstellerfläche erheblich reduzieren wollen. Ohne ausreichende Flächen, auf denen Hersteller ihr Warenportfolio präsentieren, sind die Chancen der Einkäufer beschnitten, neue Trends und Innovationen aufzuspüren. Der stationäre Fachhändler verfügt in seinem Geschäft über eine Fülle von Markenprodukten, deren Vorzüge er durch Beratung dem Endkunden vermittelt. Der Händler ist somit auf eine umfassende Produktpräsentation auf der Messe angewiesen, um sich einen Überblick über das Potenzial der Produkte zu verschaffen und diese direkt auf der Messe zu ordern.

Der Besuch individueller Showrooms beim Lieferanten vor Ort ist keine Alternative zum konzentrierten Ordergeschäft auf Messen. Kein Händler verfügt über die zeitlichen Ressourcen, um bundesweit Show­rooms und Hausmessen besuchen zu können und sich dort individuell beraten zu lassen. Kosten und Nutzen stehen bei diesen dezentralen Angeboten in keiner angemessenen Relation. Daher gilt für den Handel: Die Messe bleibt auch künftig Dreh- und Angelpunkt für das Ordergeschäft im stationären Fachhandel.

Politik ist gefordert

Natürlich entwickeln sich die Messen ständig weiter. Digitale Add-ons zur physischen Messe erlauben es den Lieferanten, ihre Produkte zwei- und dreidimensional einer breiteren Zielgruppe virtuell zu präsentieren. Branchenrelevante Panels und Vorträge werden den anwesenden und nicht anwesenden Besuchern und Ausstellern hybrid vermittelt. Doch das haptische Erleben der Ware (gerade im hochpreisigen Segment), der gewohnte Plausch mit dem Lieferanten vor Ort, die Verfestigung der bestehenden Geschäftsbeziehungen und auch die daraus erwachsenen Freundschaften sind mit dem Format Messe untrennbar verbunden. Mindestens einmal im Jahr mit Kollegen und Einkäufern auf eine Fachmesse zu gehen und geschäftliche Kontakte Face-to-Face zu pflegen, ist genauso wichtig wie die qualifizierte, individuelle Kundenberatung im Ladengeschäft.

Abschließend sei zu bemerken, dass die Politik die Teilnahme an realen Messen bundesweit ermöglichen muss. Der Handelsverband Wohnen und Büro e. V. setzt sich im Namen seiner Fachbereiche Küchen und Möbel, Koch- und Tischkultur sowie Büro- und Schreibwirtschaft permanent dafür ein und wirkt in den Messegremien an der Messeevolution aktiv mit. Denn richtig bleibt: Ein erfolgreicher Handel fußt auf einer reibungslosen Symbiose zwischen Aussteller, Messewirtschaft und Handel.

Schlagworte: Messe, Fachmesse, Coronakrise

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