Anzeige
Kolumne

Die Krisen nach der Krise

Der Einzelhandel hat die schlimmsten Folgen der Pandemie kaum überwunden, schon muss er sich neuen Krisen stellen. Ob Fachkräftemangel, Inflation, instabile Lieferketten und explodierende Rohstoffpreise oder fehlende Lkw-Fahrer.

Von Ian McGarrigle 10.12.2021

© jchizhe/stock.adobe.com

Der globale Einzelhandel muss viele Krisen bewältigen. Krisen wohlgemerkt, mit denen niemand gerechnet hat.

Die gegenwärtigen Probleme, mit denen wohlgemerkt niemand gerechnet hat, führen nicht nur zu Preissteigerungen, sondern bergen für die Führungskräfte unserer Branche echte Herausforderungen. Erschwerend kommt die allzu berechtigte Angst hinzu, dass es nicht bei den genannten Engpässen bleibt. Bevor es endlich wieder besser wird, könnte es für den Einzelhandel noch ganz schön dicke kommen.

Doch bei aller Ungewissheit hat eine Fragestellung, die uns schon vor der Pandemie beschäftigte, auch danach nicht an Dringlichkeit eingebüßt: Nachhaltigkeit und Klimawandel rangieren aus guten Gründen weiterhin weit oben auf der Agenda. Da wären auf der einen Seite die offensichtlichen, von der Wissenschaft hinlänglich bewiesenen Folgen, die ein verändertes Klima für unser Leben auf der Erde mit sich bringt. Auf der anderen Seite steht der verbleibende, sehr überschaubare Zeitraum, in dem konsequentes Gegensteuern noch etwas bewirken könnte. Aufseiten der Verbraucher wächst nicht allein das Bewusstsein für die Begrenztheit der planetaren Ressourcen, sondern auch der Zorn über eine Wirtschaftsweise, die die Zerstörung der Umwelt sehend in Kauf nimmt. Das schließt auch den Einzelhandel ein.

Recherchen der britischen Wirtschaftszeitung „Economist“, auf die sich unter anderem das World Economic Forum (WEF) in Davos bezog, zeigen, dass die Nachfrage nach umweltbewusst hergestellten Produkten während der vergangenen fünf Jahre um beeindruckende 71 Prozent zugenommen hat. Keine Frage also: Die Verbraucher erwarten von der Wirtschaft, ihren Teil der Verantwortung im Kampf gegen den Klimawandel zu tragen. Im Zuge dieses neuen gesellschaftlichen Bewusstseins haben Regierungen deutlich mehr Möglichkeiten, den nötigen Wandel über entsprechende Gesetzgebungen voranzutreiben oder verbindliche Ziele und Fristen für Maßnahmen wie eine Null-Emissions-Volkswirtschaft festzuschreiben. Die Rolle des Staates wird deshalb auch im Mittelpunkt der UN-Weltklimakonferenz COP26 im November stehen.

Doch mittlerweile zieht auch der Einzelhandel nach. So berichtete Walmart-CEO Doug McMillon auf dem World Retail Congress über die Umweltschutzbestrebungen seines Unternehmens und ließ keinen Zweifel daran, dass wir es nicht länger mit einem Klimawandel, sondern mit einer Klimakrise zu tun haben. Er verwies darauf, dass Walmart 16 Jahre brauchte, um komplett auf erneuerbare Energie umzustellen, ein Zero-Waste-Konzept umzusetzen und Lieferketten nachhaltig zu gestalten. Doch der Ehrgeiz von McMillon ist noch nicht gestillt. Seit 2020 lautet das Ziel, Walmart in ein regeneratives Unternehmen zu verwandeln. Allein: Selbst das größte Einzelhandelsunternehmen auf dem Globus kann nur einen winzigen Teil zur Verbesserung beitragen. Hinter den notwendigen Maßnahmen muss daher unser gesamter Wirtschaftszweig stehen – jedes einzelne Unternehmen auf seine Weise.

Vertreter von Handelsverbänden und Branchenorganisationen beteuern zwar, dass ihre Mitgliedsfirmen entsprechende Strategien und Initiativen begrüßten, doch noch fehle es an Handlungsbereitschaft auf breiter Basis. Wer nach den Gründen für die Zurückhaltung fragt, hört meist, dass über das konkrete Wie und Was noch große Unsicherheit bestehe und viele nicht wüssten, wie die notwendigen Maßnahmen in der Praxis umzusetzen sind. Damit bestätigen sie nicht zuletzt jene, die schon lange nach branchenspezifischen Modellen der Zusammenarbeit rufen und einen verstärkten Austausch von Informationen und Lösungskonzepten fordern. Denn wie Walmart-Chef Doug McMillon richtig anmerkte: Unsere Branche muss angesichts der immensen Herausforderungen des Klimawandels eine unverwechselbare Rolle spielen.

Schlagworte: Einzelhandel, Coronakrise, Lieferkette, Fachkräftemangel

Kommentare

Ihr Kommentar