Ortstermin

Warum Geld nicht alles ist

Die Kleinstadt gilt als Problemfall: überaltert, zurückgeblieben, ­abgehängt. Mit Förderprogrammen will der Bund bei der Wiederbelebung unterstützen. In Alfeld weiß man aber schon jetzt, dass finanzielle Unterstützung allein nicht hilft.

Von Cornelia Dörries 16.08.2022

© Elmar Reich

Ein Drittel der Deutschen lebt in Kleinstädten wie Alfeld mit weniger als 20 000 Einwohnern.

Hinter den Sieben Bergen, an der gemächlich fließenden Leine und eingebettet in die grüne Auen- und Hügellandschaft Niedersachsens, liegt die Kleinstadt Alfeld. Gepflegte Fachwerkhäuser, Sehenswürdigkeiten, Bahnanschluss und Wanderwege – mit anderen Worten: Bilderbuchdeutschland.

Alfeld könnte zugleich als Chiffre für bundesrepublikanische Normalität herhalten, denn die spielt sich zu einem großen Teil in Gemeinden mit weniger als 20 000 Einwohnern ab. Auf Orte dieser Größe entfallen gut 45 Prozent der gesamten Siedlungsfläche in Deutschland; bezogen auf die Bevölkerung, lebt ein Drittel der Deutschen in Kleinstädten. Und damit im Krisengebiet.

Denn von der Berliner Politik lange Zeit unbeachtet, haben zwei Jahrzehnte Abwanderung vor allem junger, gut ausgebildeter Menschen und in deren Folge demografische Alterung, Wirtschafts- und Strukturschwäche sowie Kaufkraftverlust insbesondere den Gemeinden jenseits der Speckgürtel großer Ballungszentren schwer zugesetzt. Nur selten schlagen sich diese Entwicklungen automatisch in Verödung oder Verwahrlosung nieder. Doch fast überall zeigt sich die soziale und atmosphärische Auszehrung der Kleinstadt dort, wo eigentlich ihr Herz schlagen sollte: in der Mitte. Dort markieren leer stehende Geschäfte, vor Jahren aufgegebene Gastwirtschaften und blinde Fenster keinen vorübergehenden Zustand, sondern – mindestens – einen Wackelkontakt zwischen Stadtbürgern und ihrem öffentlichen Raum.

So ist das auch in Alfeld mit seinen 18 500 Einwohnern, einem denkmalgeschützten historischen Stadtkern mit Marktplatz, Kirche und Rathaus sowie einer typischen Einkaufsstraße, auf der die von der Pandemie und E-Commerce verschärfte Abwärtsentwicklung im Einzelhandel schon Löcher in das dichte Nebeneinander von Ladengeschäften gerissen hat. Auf der Holzer Straße, der einstmals von Bars, Kneipen und Clubs gesäumten Ausgehmeile des Ortes, lässt nur das alte Kino ahnen, dass hier mal mehr los gewesen sein muss. Jetzt liegt eine Sonntagsruhe über dem Pflaster, die auch in der Woche nicht weicht.

„Früher war die Holzer Straße Teil der Fußgängerzone“, sagt der Alfelder Baudezernent Mario Stellmacher. „Vor Kurzem haben wir den Abschnitt aber wieder für den Autoverkehr freigegeben.“ Doch ob man auf der Fahrbahn oder dem Bürgersteig läuft, ist mangels Verkehrsaufkommens eigentlich egal. Die immer lautere Stille in ihrer Stadt ist den Alfeldern hingegen nicht einerlei. Die Bürger kritisieren mal mehr, mal weniger offen die Verwaltung und den Stadtrat für die Zustände, so Stellmacher. „Die kommen und beschweren sich, dass Müll herumliegt oder dass ein schönes Café fehlt, in dem man draußen Kuchen essen kann. Klar, für die Sauberkeit müssen wir sorgen. Aber das schöne Café gibt es nur dann, wenn es jemand eröffnet und betreibt.“

Fehlender Unternehmergeist

Geeignete Räumlichkeiten dafür gäbe es mehr als genug. Was fehlt, sind Leute mit Unternehmergeist, die etwas ausprobieren wollen. Denen rollen Mario Stellmacher und sein Verwaltungskollege Hans-Günther Scharf, zugleich Geschäftsführer des Vereins „Forum Alfeld-Aktiv“, den sprichwörtlichen roten Teppich aus. So organisierten sie im Jahr 2019 eine Franchise- und Gründermesse, auf der die Stadt zusammen mit Vertretern der regionalen Wirtschaftsförderung und von Banken, Ideengebern und Franchise-Unternehmen ein ganzes Wochenende lang um potenzielle Geschäftsgründer, Start-up-Geister und Jungunternehmer warb.

Für das Projekt hatte Stellmachers Verwaltung im Vorfeld Immobilieneigentümer mit Liegenschaften in der Alfelder Innenstadt davon überzeugt, ihre leerstehenden Ladenlokale über innovative Mietkonzepte für die erhofften neuen Geschäfte und Pop-up-Stores zur Verfügung zu stellen: im ersten Jahr mietfrei, danach je nach Vereinbarung, aber garantiert günstig. „Da wir auch unsere eigene Bauaufsichtsbehörde sind, waren wir sogar bereit, übergansgsweise baurechts­widrige Zustände zu dulden“, erzählt Stellmacher. „Wir wollten niemandem mit Verweis auf irgendwelche Vorschriften zu Toiletten oder 30.000 Euro teuren Brandschutzvorkehrungen den Wind aus den Segeln nehmen. Hauptsache, es entsteht etwas.“ Und was genau? „Egal. Jede Idee, die sich auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewegt, hätte sich umsetzen lassen.“

Aus der von so viel Engagement, Sachverstand und finanziellem Entgegenkommen getragenen Initiative ging am Ende kein einziges Projekt hervor. Als Stadt- und Regionalplaner weiß Stellmacher freilich nur zu gut, dass es in Alfeld nicht an baulichen oder infrastrukturellen Defiziten liegt, sondern an einer Entwicklung, der mit keinem Fördergeld der Welt beizukommen ist: der demografischen Alterung. „Uns fehlen einfach junge Leute, die etwas aufbauen wollen.“ Und Hans-Günther Scharf ergänzt: „Hinzu kommt, dass wir in Alfeld praktisch Vollbeschäftigung haben. Allein der ortsansässige Papierhersteller mit seinem Arbeitsplatzangebot sorgt dafür, dass wir als Kleinstadt sogenanntes Einpendelgebiet sind, also die Leute aus dem Umland zur Arbeit hierherfahren.“

Der Wirtschaft geht es zu gut

Welcher Arbeitnehmer mit auskömmlichem Tarifgehalt, Urlaubsanspruch und Weihnachtsgeld sollte das Risiko einer Unternehmensgründung eingehen, noch dazu in innenstadtrelevanten, aber besonders harten und wenig einträglichen Branchen wie Gastronomie, Einzelhandel oder Handwerk?

Scharf, gebürtiger Alfelder, der die Stadt gewissermaßen zu seinem Beruf gemacht hat, erinnert sich noch gut an die Zeiten, in denen es in Laufweite vom Rathaus Bäcker, Metzger, Schuster und einen Kürschner gegeben hat und die künftige demografische Entwicklung an den im Haushaltswarengeschäft aufgebauten Hochzeitstischen ablesbar war. Er sagt: „Früher war die Innenstadt gleichbedeutend mit einem Ort für gute Geschäfte im doppelten Sinn. Die Unternehmen haben dort Geld verdient. Doch inzwischen ist aus dem Wirtschaftsraum Innenstadt zum Teil ein Fördergebiet geworden, für das wir nach einer tragfähigen ökonomischen Strategie suchen müssen. Und die Frage lautet: Wie funktioniert eine Innenstadt ohne die Leitfunktion des Einzelhandels?“

Für eine Lösung, das müssen Stellmacher und Scharf eingestehen, ist eine Kommune wie Alfeld auf Unterstützung angewiesen. „Wir bewerben uns demnächst im Rahmen der Städtebauförderung des Bundes um zehn Millionen Euro mit einer Laufzeit von zehn Jahren“, erklärt Baudezernent Stellmacher. Das Geld soll in den Stadtumbau fließen, mit dem Ziel, die zum Teil überalterten Gebäude in attraktive, für zeitgemäße Nutzungen offene Immobilien zu verwandeln. „Der Bestand hat zwar Charme, entspricht aber zum Teil nicht mehr den heutigen Bedürfnissen“, konzediert Scharf.

Letzter Rettungsversuch

Hinter den malerischen Fachwerkfassaden verbergen sich verwinkelte Grundrisse, relativ niedrige Decken, kleine Stuben – damit kann man weder auf dem Wohnungsmarkt noch als Anbieter von Gewerberäumen bestehen. Die Folge: In der Innenstadt wohnen nur noch diejenigen, die sich etwas anderes nicht leisten können oder deren Miete das Sozialamt überweist. Wer kann, zieht weg. Deshalb will Alfeld die Städtebauförderung gezielt für eine strategische Aufwertung von innerstädtischen Immobilien nutzen: Attraktive Wohnungen sowie ansprechende Büro- und Geschäftsräume sollen wieder diejenigen in die Stadt ziehen, die mangels passender Angebote bislang fernbleiben oder sich ihre Immobilienwünsche von Bauträgern am Stadtrand erfüllen lassen.

Auf eine Art Pilotprojekt kann Stellmacher schon verweisen. In der Winde, einer schmalen, geschlossen bebauten Gasse unterhalb der Kirche, hat ein privater Bauherr zu günstigen Konditionen ein angejahrtes Wohn- und Geschäftshaus erworben, das typisch ist für deutsche Kleinstädte: im Erdgeschoss ein Ladenlokal mit großen Schaufenstern, darüber die Wohnetage unter einem Satteldach und im Blockinneren ein geschützter, grüner Hof.

Der neue Eigentümer lässt den Altbau rein äußerlich zwar stehen, doch hinter den Mauern werden derzeit großzügige Wohnungen mit viel Licht und modernem Raumprogramm in gehobenem Standard gebaut. Sogar der örtlichen Stellplatzordnung kann er angemessen nachkommen: Ohne die malerische Straßenansicht zu beeinträchtigen, entstehen auf einer gegenüberliegenden Brache unter einer pergolaartigen, halb offenen Konstruktion die nötigen Parkplätze.

Das Bauvorhaben steht, wenn man so will, unter Erfolgszwang, denn mit der Neukodierung der Innenstadt als Wohn-, Arbeits- und Lebensraum verbinden sich nicht nur in Alfeld die größten Hoffnungen für eine Schubumkehr. „Es ist für uns wirklich fast so etwas wie der letzte Versuch, die Innenstadt auf eine neue ökonomische Grundlage zu stellen“, so Stellmacher. „Es gibt so viele Eigentümer mit Immobilien in zentraler Lage, die jahrzehntelang nicht mehr in ihre Häuser investiert haben, einfach weil es sich nicht gelohnt hat. Warum soll jemand teure Wohnungen schaffen, wenn am Ende die Hartz-IV-Tabelle regiert und die Investition sich hinten und vorn nicht rentiert?“

Öffentlicher Raum ist Bürgersache

Diese Rentabilitätslücke, für Stellmacher die immobilienwirtschaftliche Crux einer Innenstadtrevitalisierung, soll in Alfeld nun mithilfe der Städtebauförderung geschlossen werden. „Als wir vor einigen Jahren eine Bestandserhebung unter den Eigentümern aller Innenstadtimmobilien durchgeführt haben, wollte die Hälfte sofort verkaufen. Die hatten sich von der Innenstadt längst verabschiedet“, sagt Scharf. „Doch ohne private Akteure gibt es keine vitale Innenstadt, keinen öffentlichen Raum. Den kann man nicht von oben bespielen oder am Leben halten.“

Genau das müsse man den Bürgern klarmachen, die sich im Rathaus darüber beschweren, dass immer weniger los sei, fügt Baudezernent Stellmacher hinzu. Ein funktionierendes Stadtzentrum sei am Ende auch eine Frage bürgerlichen Handelns. „Politik und Verwaltung können lediglich die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Und wenn ich ehrlich bin, haben wir nur noch diesen einen Schuss.“ 

Bauhaus, Schuhleisten und Tierhandel

Die Stadt Alfeld im Leinebergland, Landkreis Hildesheim, ist bei Architekturfreunden für das zum UNESCO-Welterbe gehörende Fagus-Werk bekannt (Bild), das nach dem Entwurf des Bauhaus-Architekten Walter Gropius entstand. Die Besonderheit: In dieser Fabrik werden bis heute Schuhleisten produziert, außerdem Brandschutzanlagen und Messtechnik. Alfeld war früher ein Zentrum des internationalen Tierhandels. Von hier aus wurden die Zoos in Deutschland mit Elefanten und Tigern beliefert.

Schlagworte: Innenstadt, Förderprogramm, Einzelhandel

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