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Handelsimmobilienkongress 2021

Das Virus, die Stadt und der Handel

Kaum ein Minister oder Ministerpräsident kommt dieser Tage umhin, seine Solidarität mit den gebeutelten Einzelhändlern zu erklären. Doch die Branche ist der warmen Worte überdrüssig und fordert neben schnellen Hilfen lang­fristige Konzepte.

Von Mirko Hackmann 15.03.2021

© Igor Vitomirov, stock.adobe.com

„Wenn die politischen Entscheider so mit dem Handel verfahren, müssen wir über die Zukunft unserer Innenstädte nicht weiter diskutieren“, zürnt Michael Reink, HDE-Bereichsleiter für Standort- und Verkehrspolitik.

Als gegen Ende des zweiten Kongresstages Moderator Christoph Meyer die Breaking News verliest, der Lockdown werde bis zum 7. März verlängert, offenbart das Gesicht des danebenstehenden Michael Reink eine Mischung aus Wut und Entsetzen. „Wenn die politischen Entscheider so mit dem Handel verfahren, müssen wir über die Zukunft unserer Innenstädte nicht weiter diskutieren“, zürnt der aufgebrachte HDE-Bereichsleiter für Standort- und Verkehrspolitik.

Dass die Lage ernst ist, daran hatte auch bis dahin keiner der Vortragenden Zweifel gelassen – doch alle Hoffnungen ruhten darauf, dass Öffnungen absehbar möglich würden. Nun wird klar: Der Wettlauf mit der Zeit verschärft sich weiter, denn verlässliche Hilfszahlungen für die unverschuldet in Not geratenen Kaufleute sind bestenfalls in Sicht, aber längst nicht überwiesen.

Obwohl rein virtuell abgehalten, verfolgen mehr als 300 Zuschauer den 17. Handelsimmobilienkongress. Das zeigt, wie groß in der Krise das Bedürfnis nach Austausch ist und wie sehr sich die Branche unter dem Einfluss des Strukturwandelbeschleunigers Corona bemüht, zu sich selbst sowie zu einem neuen, stärker partnerschaftlichen Verhältnis zur Immobilienwirtschaft zu finden.

„Bei der Neuordnung von Stadt und Handel darf es keine Denkverbote geben“, betont HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth in seinem Eingangsstatement. Wenn auch die Umsätze und Frequenzen zuletzt rapide gesunken seien, bleibe der Handel auch künftig die dominierende Funktion in den Innenstädten. Doch dürften sich die Mieten nicht länger von den Umsätzen der Händler abgekoppelt entwickeln – im Interesse der Allgemeinheit wie auch der Immobilienwirtschaft selbst.

Allein relevant ist, was der Kunde will

„Beide Branchen sind mit der Politik gemeinsam gefordert, den besonders gefährdeten kleinen und mittelgroßen Städten eine Zukunft zu ermöglichen“, erklärt Genth. Ausdrücklich begrüßt er die Gesprächsbereitschaft in den Ministerien und die angekündigten Milliardenfonds. Zwar hat es mit jährlich 790 Millionen Euro auch bislang nicht an Mitteln für Städtebauförderung gemangelt, doch hohe formelle Hürden sowie die Mitwirkungspflicht von Ländern und Gemeinden bremsten die überfälligen Investitionen. Genth hofft im Wahljahr auf ein Umdenken: „Jetzt bietet sich die einmalige Chance, unsere Innenstädte neu aufzustellen.“

An möglichen Konzepten fehlt es den beim Kongress vertretenen Experten nicht. So empfiehlt Joachim Stumpf, Geschäftsführer der BBE Handelsberatung, den Städten, sich an Shoppingcentern zu orientieren. Deren Transformationsprozess hin zu Mixed-Use-Objekten sei schon weiter vorangeschritten, da sie sich auf Basis dezidierter Bedarfs- und Funktionsanalysen bereits eindeutig positioniert hätten und gezielt Ankersetzungen vornähmen, um über Kopplungseffekte die gewünschten Frequenzverteilungen zu erzeugen.

„Soll das auch in der City gelingen, gilt es, den ordnungspolitischen Rahmen anzupassen und die Immobilienwirtschaft frühzeitig einzubinden“, betont Stumpf. Dass Corona in dem unumgänglichen Umbauprozess zur „Flurbereinigung“ beitrage, müsse kein Nachteil sein. So sieht das auch Olaf Petersen. „Unsere Innenstädte werden bunter“, erklärt der Geschäftsführer der Comfort-Gruppe, eines auf einzelhandelsgenutzte Immobilien spezialisierten Beratungsunternehmens. Dazu trüge neben sinkenden Preisen und kürzeren Mietvertragslaufzeiten eine vielfältigere Immobiliennutzung auch jenseits des Handels bei. „Mieter, die sich bislang nur Nebenlagen leisten können, gehen nun in Toplagen“, prophezeit Petersen.

Doch mancherorts ist offenbar noch nicht recht angekommen, was die Stunde geschlagen hat. „Viele Bürgermeister scheinen zu denken, sobald wir wieder öffnen dürfen, werde alles wie früher sein“, sagt Marc Ramelow, Geschäftsführer des gleichnamigen Modehauses mit neun Filialen. Dank hoher Kundenbindung und vielfältiger Aktionen wie Live-Shopping-Events konnte er auch im Lockdown viele Stammkunden erreichen. Für ihn steht fest, dass es mehr Mut zur Veränderung braucht, die Zeiten des Power-Shoppings vorüber sind und an dessen Stelle das Erlebnis treten wird: „Handel und Immobilienwirtschaft muss klar sein, dass in Zukunft allein zählen wird, was für den Kunden relevant ist.“

Grün und am Gemeinwohl orientiert

Um den Kundenbedürfnissen auf die Spur zu kommen, hat das IFH Köln im Rahmen der Studie „Vitale Innenstädte“ 58 000 Passanten befragt. Das zentrale Ergebnis fasst Dr. Kai Hudetz in seinem Vortrag zusammen: „Begnügen sich ältere Konsumenten mit einer als angenehm empfundenen Aufenthaltsqualität, messen jüngere Zielgruppen den Attraktivitätsgrad von Innenstädten dezidiert an einem hohen Erlebniswert.“ Trotz zu erwartender Nutzungsver­schie­­bungen sieht der IFH-­Ge­schäf­ts­führer vornehmlich den Einzelhandel in der Pflicht, diese Erwartungshaltung zu bedienen. „Ohne vitalen Einzelhandel keine vitale Innenstadt“, lautet Hudetz' Formel.

Um ihre Bürger für sich einzunehmen, muss eine City jedoch mehr sein als ein Warenumschlagplatz. Roland Wölfel, Geschäftsführer von CIMA, einem Kompetenzzentrum für Stadtentwicklung, verweist auf das in der „Leipzig Charta“ umrissene urbane Leitbild: Gerecht, grün und produktiv soll die Stadt demnach sein, zudem gemeinwohlorientiert. Wölfel schwebt eine „Neudefinition des öffentlichen Raums“ vor, der „engmaschiger, kooperativer und interaktiver“ werden soll. Wölfel: „Dazu braucht es keine Reparatur, sondern einen Umbau.“

Professor Thomas Krüger pflichtet bei. „Wir stehen vor gewaltigen Veränderungen“, unterstreicht der Leiter Projektmanagement in der Stadtentwicklung an der HafenCity Universität Hamburg. Für ihn ist entscheidend, „nicht nur zu schauen, was gerade geht“, sondern langfristige Konzepte zu entwickeln. Krüger: „Wir benötigen neue Steuerungsformen für handlungsfähige lokale Einheiten, die mit den notwendigen Mitteln ausgestattet sind.“ Ohne den Aufbau entsprechender Strukturen könnten die angekündigten Milliardenhilfen nicht sinnvoll verwendet werden. Womöglich braucht es einen Marshallplan Innenstadt – denn Geld allein wird sie nicht retten. 

Schlagworte: Handelsimmobilienkongress, Handelsimmobilien, Lockdown, Coronakrise, Coronavirus

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