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Payment

„Das Vertrauen in digitales Geld basiert auf Cash“

Verbraucherschützer Claudio Zeitz-Brandmeyer, HDE-­Zahlungsexperte Ulrich Binnebößel und Epay-Managing-Director Markus Landrock diskutieren über die Zukunft des Bargelds, seine Rolle als Garant von Privatsphäre und den digitalen Euro.

Von Ralf Kalscheur 24.05.2022

© Sebastian Pfütze, Ausstellung „CASH on the Wall“, Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank, Kunstwerk „THE Bounty (Euro)“ von Thomas Eller

Geldschöpfung: Ulrich Binnebößel, Markus Landrock und Claudio Zeitz-Brandmeyer (v.l.) vor einem Kunstwerk der Ausstellung „CASH on the Wall“ der Stiftung Kunstforum der Berliner Volksbank.

Die Pandemie hat die Abkehr vom Bargeld beschleunigt. Bei sinkenden Mengen wird das ­Handling ­immer teurer. Ist das System Bargeld in Gefahr?
Claudio Zeitz-Brandmeyer: Der Blick ins Ausland, etwa nach Schweden oder in das Vereinigte Königreich, zeigt, dass das System Bargeld unter Druck geraten kann – das ist perspektivisch auch hierzulande zu befürchten. Der Staat ist daher gefordert, frühzeitig gegenzusteuern. Noch sehen wir eine breite Akzeptanz von Barzahlungen und eine relativ gute Versorgung mit Geldautomaten in Deutschland. Doch wir erkennen Tendenzen, dass sich diese Situation verschlechtern könnte. Banken schließen Filialen, insbesondere im ländlichen Raum. Das Geldabheben an Automaten von privaten Anbietern ist häufig sehr teuer und bietet daher bislang keine echte Alternative. Mit Cashback überbrückt der Handel bereits Lücken und spielt inzwischen eine wichtige Rolle bei der Bargeldversorgung. Wir sehen also Handlungsbedarf, denn Verbraucher wollen weiterhin auch mit Bargeld bezahlen.

Ulrich Binnebößel: Zwei Drittel aller Transaktionen im Handel – zumeist kleinere Betragszahlungen – werden noch in bar getätigt, insofern möchte ich grundsätzlich zustimmen. Der Handel muss und will Bargeld weiterhin berücksichtigen, denn es ist nach wie vor das meistgewählte Zahlungsmittel. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren sind die Umsätze mit Bargeld allerdings deutlich gesunken. Daraus erwächst ein Problem: Weil Bargeld zunehmend an Bedeutung verliert, wird die Bargeldlogistik im Verhältnis immer teurer. Gerade kleinere Händler haben häufig keine Bank mehr in der Nähe, bei der sie ihre Tageseinnahmen abgeben oder sich Münzen beschaffen können. Wenn aber die Kosten für die Versorgung mit Bargeld wirtschaftlich nicht mehr abbildbar sind, kann das System Bargeld kippen. In anderen Ländern sehen wir bereits, dass Händler kein Bargeld mehr akzeptieren, weil sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen.

Während Banken sich zunehmend von der Bargeldversorgung zu verabschieden scheinen, gewinnt das bereits angesprochene Thema Cashback an Relevanz. Laut einer Erhebung des EHI werden mehr als sechs Prozent des in den Märkten vereinnahmten Bargelds an der Kasse wieder ausgezahlt …
Binnebößel: Der Handel übernimmt aus dem Servicegedanken heraus Bargelddienstleistungen für Kunden, doch dieser Mehrwert ist mit Kosten verbunden. In der Regel übernimmt der Händler die Kartengebühren, die für die Auszahlungen anfallen würden. Bei einem Auszahlungsbetrag von 100 Euro und einem umsatzabhängigen Entgelt von 0,2 Prozent wären dies 20 Cent. Das ist mehr, als die Bargeldentsorgung, also die temporäre Verwahrung und die Verbringung der Bargeldeinnahmen, den Handel heute kostet. Cashback hat Grenzen und kann in dieser Form nicht die Lösung für die Versorgung der Bevölkerung mit Bargeld sein! Über diese Grenzen lässt sich diskutieren – insofern man die Rollenverteilung neu bespricht: Wenn der Handel verstärkt Infrastrukturaufgaben von Banken übernehmen soll, dann ist es Aufgabe der Politik, dafür tragfähige Rahmenbedingungen zu schaffen. Keinesfalls darf es passieren, dass sich der Handel künftig auch noch mit zusätzlich erhöhtem Kostenaufwand Bargeld beschaffen muss, um den Cashback-Service gewährleisten zu können. Der Handelsverband Deutschland setzt sich für eine nationale Paymentstrategie ein, um Planungs- und Investitionssicherheit zu schaffen – nicht allein in Bezug auf Bargeld, sondern für alle Zahlungssysteme.

Markus Landrock: Als Netzbetreiber wickelt Epay elektronische Zahlungen ebenso wie die Bargeldversorgung über Automaten an Drittstandorten ab. Auch wir haben festgestellt, dass die Kartenakzeptanz in der Bevölkerung infolge der Pandemie nachhaltig gestiegen ist. Insbesondere größere Warenkörbe werden mit Karte bezahlt. Um die Bargeldversorgung bei sinkender Zahl von Filialen und Automaten zu stützen, wurde Cashback ab einem Mindesteinkauf für den Handel als Zusatzmehrwert erlaubnisfähig gemacht. Doch das ist aus unserer Sicht ein zweischneidiges Schwert, weil dadurch die Bargeldauszahlung ­immer stärker auf die Seite des Handels gedrängt wird. Geld, das der Händler Kunden wieder auszahlt, muss er nicht mehr teuer entsorgen. Gleich­zeitig steigen die Kosten für die Versorgung mit Bargeld, sprich: die der Befüllung unserer Geldautomaten.

Laut einer aktuellen Umfrage des Verbraucher­zentrale Bundesverbands gaben 75 Prozent der Befragten an, sie möchten wählen können, ob sie mit Bargeld oder bargeldlos bezahlen. Wie kann die Politik diesem Wunsch in Zukunft gerecht werden?
Zeitz-Brandmeyer:
 Es gibt verschiedene Stellschrauben. Die Politik könnte etwa bei der flächendeckenden Bereitstellung von Geldautomaten ansetzen und dabei auch die Abhebegebühren ins Auge fassen. Auch die Bargeldlogistik könnte effizienter gestaltet werden. Über eine Akzeptanzpflicht von Bargeld an den Point of Sales, an denen diese Maßnahme Sinn ­ergibt, ließe sich ebenfalls nachdenken. Die Bundes­regierung ist aus Verbrauchersicht aufgerufen, ein Maßnahmenpaket zu schnüren, um das Bargeld zukunftsfest zu machen. Unsere Forderung fügt sich gut in die des HDE nach einer nationalen Paymentstrategie ein.

Binnebößel: Eine Akzeptanzpflicht würde aus unserer Sicht jedoch zu weit gehen, wenn man sich etwa die Entwicklungen bei kassenlosen Märkten vor Augen führt. Doch ich gebe Herrn Zeitz-Brandmeyer recht, dass es Potenzial gibt, den Bargeldkreislauf effizienter zu gestalten. Ich sehe diesbezüglich auch Bewegung aufseiten der Bundesbank. So dürfte etwa der „kleine ­Bargeldkreislauf“ künftig weniger restriktiv gehandhabt werden. Automatenbetreiber können eingenommene Münzen ein­facher wieder ausgeben an diejenigen, die Wechselgeld benötigen wie etwa den Handel. Das war bislang nur über eine zwischengeschaltete Bank möglich, weil die Bearbeitung als Zahlungsdienstleistung eingestuft wurde. Die erforderlichen Münzprüfmechanismen ließen sich vereinfachen. Die Münzbeschaffung bei der Bundesbank sollte in kleineren Mengen möglich sein. Zudem könnten sich mehrere Händler mit kleineren Einzahlungstresoren im Backoffice zusammenschließen, um gemeinsam kostensparend einen mandantenfähigen Tresor zu ­betreiben. Vor diesen technischen Fragen gilt es aber die grundsätzliche gesellschaftliche Frage zu ­beantworten, ob es tatsächlich notwendig ist, das Bargeld zu erhalten.

Ist Bargeld unabdingbar? Bedeutet das Ende des Bargelds nicht auch das Ende der Privatsphäre?
Zeitz-Brandmeyer: Bargeld hat Eigenschaften, welche die Alternativen nicht erfüllen können. Alle Verbraucher können Bargeld nutzen, auch wenn das Konto mal überzogen ist oder die Karte plötzlich nicht funktioniert. Überdies können sie ihre Ausgaben einfacher kontrollieren. Bargeld sorgt für eine Rückkopplung mit der Realität, die im Zuge der Digitalisierung auf mannigfache Weise verloren geht. Ich glaube, das Vertrauen vieler Verbraucher in digitales Geld basiert auch auf dem Gefühl, dass sie es jederzeit in Form analoger Geldscheine gewissermaßen materialisieren können. Privatsphäre ist vielen Verbrauchern enorm wichtig, doch sie erleben, dass die Monetarisierung ihres Einkaufsverhaltens immer weiter voranschreitet. Dem können sie sich durch die Verwendung von Bargeld entziehen. Wer vermag zu überblicken, was ein Zahlungsdienstleister mit den eigenen persönlichen Daten macht?

Bietet der digitale Euro die Chance, den digitalen ­Zahlungsverkehr in Ergänzung zum Bargeld verbraucherorientierter zu gestalten?
Zeitz-Brandmeyer:
 Der digitale Euro kann als Korrektiv fungieren, indem er Verbrauchern als vertrauenswürdige und sichere Alternative zu privaten Zahlungsinstrumenten bereitsteht. Die EZB sollte bei der Entwicklung des ­digitalen Euro hohen Wert darauf legen, dass er Zahl­ungen unter einem deutlich höheren Schutz der Privatsphäre als bisherige digitale Zahlungsverfahren ermöglicht. Doch so anonym wie Münzen und Scheine kann ­das ­digitale Zentralbankgeld – allein schon wegen der­­ Vor­gaben zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung – nicht werden.

Landrock: Die fortschreitende Digitalisierung geht leider einher mit dem Schwund von Anonymität. Um das Datendefizit gegenüber dem E-Commerce wettzumachen, geben klassische Händler und Hersteller zunehmend eigene Apps heraus, mit denen Kundenbindungsprogramme, aber auch Zahlungsfunktionen verbunden sind. Verbraucher geben dem Handel bewusst persönliche Daten in Gegenleistung für Mehrwerte preis. Diese Freiheit und Paymentvielfalt sollte der Verbraucher meiner Meinung nach auch in Zukunft haben. Alternativen hierzu gibt es in Bezug auf Wallets oder Prepaid-Zahlungsmittel, die dem Konsumenten eine gewisse Anonymität bewahren.

Zeitz-Brandmeyer: Verbraucher gehen diesen Deal aus einer Art rationaler Ignoranz ein: Da sie sich durch ihr individuelles Verhalten datengetriebenen Geschäfts­modellen ohnehin schwer entziehen können, nehmen sie Vorteile, wie Bonuspunkte, mit. Die einzelnen Daten-­Puzzlestückchen, die jeder Einzelne liefert, fassen Anbieter jedoch zu einem Gesamtbild zusammen. Die Aufgabe von Verbraucherpolitik ist es, die Gesamtheit der Verbraucher vor diesen Praktiken zu schützen. Dabei kann auch ein digitaler Euro helfen, wenn er Verbrauchern eine echte Alternative bietet.

Landrock: Bei der Ausgestaltung eines anonymen Zahlungsmittels wie des digitalen Euro haben neben Verbraucherschützern und Handel auch die Politik und die Strafverfolgungsbehörden Interessen. Der 500-Euro-Schein wurde ja nicht eingestellt, um das Bargeld schrittweise abzuschaffen, sondern um Geldwäsche zu erschweren. Es ist schwierig, diese sehr unterschied­lichen Sichtweisen bei der Konzeptionierung des digitalen Euro zu einem Konsens zusammenzuführen.

Binnebößel: Eine nationale Paymentstrategie müsste belastbare Aussagen darüber enthalten, wie die Anonymisierung des digitalen Euro tatsächlich ­sichergestellt werden kann. Nicht nur aus Verbrauchersicht, auch aus Sicht der Handelsunternehmen ist es nicht ratsam, als „gläserner Händler“ dazustehen, denn Abverkaufsdaten sind ein sensibles Gut. Vielleicht gelingt es, das Bargeld in Form eines digitalen Euro nachzubauen, doch im Notfall, wenn der Strom ausfällt oder sich ein marktdominierender Zahlungssystemdienstleister herausbildet, der die Konditionen bestimmt, böte Bargeld im Stationärhandel theoretisch eine Ausweichlösung. 

Schlagworte: Bargeld, Payment, Verbraucherschutz, Einzelhandel

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