Interview

„Das Verhalten des Finanzministers ist ein Skandal“

Noch nie stand der Handelsverband Deutschland so im Fokus der Öffentlichkeit wie zu Zeiten der Coronapandemie. Warum die Handelslandschaft nie wieder wie zuvor sein wird und wieso die Politik die Hauptverantwortung dafür trägt, erklärt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth im Interview.

Von Mirko Hackmann 14.01.2021

© Thorsten Futh

Stefan Genth ist seit 2007 Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE) in Berlin.

Herr Genth, wie die gesamte Branche haben auch Sie ein bewegtes Jahr hinter sich. Welches Gefühl dominiert in der Retrospektive?

Das war in der Tat ein sehr emotionales Jahr. Es sind Dinge passiert, die wir alle uns so zuvor nicht vorstellen konnten: eine weltweite Pandemie, viel zu viele Todesfälle und das mehrmalige komplette Herunterfahren des öffentlichen Lebens – inklusive Ladenschließungen. Im Nachhinein dominiert die Zuversicht, dass wir als Einzelhandelsorganisationen alle miteinander auch derart herausfordernde Situationen gemeinsam meistern können. Gerade die Zusammenarbeit mit den Landes- und Bundesfachverbänden hat sich in diesem Jahr in vielen kritischen Situationen enorm bewährt. Wir waren und sind auch weiterhin als Stimme der Branche gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit vernehmbar laut.

Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit eines zweiten harten Lockdowns im Handel hätte es für die Branche keinen ungünstigeren Zeitpunkt geben können als die Adventswochen. Welche Folgen erwarten Sie für das kommende Jahr?

Ja, der Zeitpunkt war wirklich ein Schlag ins Kontor. Das Timing der Pandemie-Maßnahmen hätte den Non-Food-Handel nicht härter treffen können. Das wird tiefe Spuren hinterlassen. Im Jahr 2020 hat der Handel lockdownbedingt wohl rund 36 Milliarden Euro verloren. Das sind Summen, die nicht mehr kompensiert oder aufgeholt werden können. Nachholeffekte werden wir wohl nur in ganz kleinem Maße erleben. Denn die Kunden haben ja nicht deutlich weniger gekauft als zuvor, sondern vor allem online statt stationär geshoppt. Gerade für Modehändler mit ihrer Saisonware sieht es schwierig aus, denn den Wintermantel kauft im Frühjahr niemand mehr.

Allein DHL hat in der Woche vor Weihnachten rund 60 Millionen Pakete versendet. Was bedeutet diese von mehreren Schließungsphasen getriebene rasante Entwicklung hin zum Onlinehandel perspektivisch für die deutschen Innenstädte und die Beschäftigten im stationären Einzelhandel?

Abschließend wird man das erst beurteilen können, wenn die Pandemie vollkommen im Griff ist. Am Ende könnten aber dauerhafte Veränderungen im Verbraucherverhalten sichtbar werden. Immer mehr Kunden haben in der Krise das Onlineshopping für sich entdeckt. Ich hege Zweifel, ob die alle wieder zu ihren Einkaufsgewohnheiten aus der Zeit vor der Krise zurückfinden. Am Ende der Coronapandemie könnten wir bis zu 50 000 Geschäfte mit 250 000 Beschäftigten verloren haben. Das ist dramatisch, das reißt ganze Innenstädte mit in den Abgrund.

Elf Milliarden Euro pro Monat betrug das Volumen der staatlichen Hilfen über alle Branchen für die vom jüngsten Lockdown betroffenen Unternehmen. Was bedeutet das für Ihre Mitglieder: Erreicht das Geld Not leidende Händler schnell genug?

Das Geld kommt nicht in ausreichendem Maße an. Ich empfinde das Verhalten des Bundesfinanzministers als skandalös: Öffentlichkeitswirksam kündigt er Milliarden zur Unterstützung der Unternehmen an. In der Realität kommt das Geld aber nicht in dieser Höhe zur Auszahlung, weil die Hürden für die Beantragung und die Zuteilung zu kompliziert und zu hoch sind. Während die Gastronomie im Lockdown durch mehr als großzügige Hilfen des Staates das beste Weihnachtsgeschäft seit Jahren gemacht hat, wird dem Einzelhandel das Weihnachtsgeschäft völlig entzogen und er geht leer aus. Der Einzelhandel hat keinen ausreichenden Zugang zu den Wirtschaftshilfen. In den nächsten Monaten droht eine Insolvenzwelle im Einzelhandel. Viele Handelsunternehmen, die von dem zweimaligen Lockdown betroffen sind, haben ihr Eigenkapital weitgehend aufgezehrt und benötigen jetzt wirtschaftliche Unterstützung.

Sehen Sie den Handel mit der seit Jahresbeginn geltenden Überbrückungshilfe III fairer behandelt?

Von Fairness oder ausreichenden Hilfen sind wir weiterhin meilenweit entfernt. Es wirkt nach außen hin großartig, wie schnell hier Milliardenzahlungen zugesagt wurden. Ein ungelöstes Rätsel bleibt aber, wer die angekündigten elf Milliarden Euro pro Monat am Ende bekommen soll. Denn in der Praxis kommt zumindest im Handel nicht genügend an. Die Kriterien sind einfach kontraproduktiv gewählt. Beispielsweise sorgen unter anderem monatliche Obergrenzen dafür, dass größere mittelständische Unternehmen, wie viele Modehäuser, nicht mit den Summen rechnen können, die sie für ihre Rettung dringend bräuchten. Der Finanzminister muss rasch entsprechende Anpassungen vornehmen. Ansonsten ist es für viele Händler zu spät.

Welche Botschaft möchten Sie Ihren Verbandsmitgliedern mit Blick auf das gerade beginnende Jahr mit auf den Weg geben?

Verlieren Sie die Zuversicht nicht. Ich weiß aus vielen persönlichen Gesprächen, wie schwer es ist, in dieser besonderen Zeit das eigene Unternehmen durch diese Krise zu führen und damit nicht nur die eigene Existenz, sondern auch viele Arbeitsplätze und ein Stück Kulturgut für unsere Städte zu sichern. Gemeinsam müssen wir das Beste daraus machen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass wir das zusammen schaffen können. Die Handelsverbände jedenfalls werden auch weiterhin mit aller Kraft intensiv daran arbeiten, unsere Branche so gut wie möglich durch diese schwierige Zeit zu begleiten.

Zur Person

Stefan Genth ist seit 2007 Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE) in Berlin. Bereits seit 1996 war er für die Einzelhandels­organisation tätig, vor seinem Wechsel zum HDE als Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Ostwestfalen-Lippe, eines der größten Regionalverbände des HDE. Als Vertreter des deutschen Handels in Europa ist Genth Vizepräsident des europäischen Dachverbandes EuroCommerce in Brüssel. Ehrenamtlich engagiert er sich zudem als Vorstandsmitglied des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln und in der Fördergesellschaft des Instituts für Handelsforschung (IFH) an der Universität Köln.

Schlagworte: Coronakrise, Coronavirus, Stefan Genth, Interview

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