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Cultivated Meat

Das Fleisch der Zukunft

Nach dem Erfolg von pflanzenbasierten Würsten und Schnitzeln kommt die nächste Innovation: Fleisch aus dem Bioreaktor. Schon in wenigen Jahren könnte es auch in Europa im Handel erhältlich sein.

Von Christine Mattauch 10.08.2021

© Getty Images

In einem Restaurant in Singapur werden schon zellbasierte Chicken Nuggets für 14 Euro serviert.

Nur wenige Menschen haben jemals Gelegenheit, einen Prototyp zu essen. Einer von ihnen ist Marcus Keitzer, Vorstand für alternative Proteinquellen des Geflügelfleischspezialisten PHW. Der Prototyp war ein winziges Stück Chicken Nugget, das ihm Ende 2019 serviert wurde, produziert im Labor. „Das war ein spannender Moment“, erinnert sich Keitzer. „Jahrelang liest und diskutiert man darüber, und dann liegt es auf dem Teller. Es hat wirklich wie Hähnchen geschmeckt.“

Was für Keitzer noch eine Sensation war, könnte in wenigen Jahren zum Alltag gehören: Hähnchenschnitzel, Rinderhack oder Schweinswürstel, hergestellt im Bioreaktor. Im Fachjargon werden diese zellbasierten Produkte als Clean oder Cultivated Meat oder auch als In-vitro-, Labor- oder Kunstfleisch bezeichnet. Es wäre die zweite Welle der Abkehr vom konventionellen Fleisch, nachdem pflanzenbasierte Produkte wie Teewurst aus Erbsen und Burger-Pattys aus Bohnen in den vergangenen Jahren massentauglich wurden.

Effizient und klimafreundlich

Konzerne wie PHW (Marke „Wiesenhof“) oder die Schweizer Migros investieren in die Innovation, die – so hoffen ihre Befürworter – sich positiv auf Klima und Tierwohl auswirken wird. „Wir stehen ganz am Anfang einer – außer Frage – spannenden Entwicklung“, teilt die Migros auf Anfrage dem handelsjournal mit.

Seit mehr als 20 Jahren forschen Wissenschaftler an dem Verfahren, das der französische Ökonom Nicolas Treich als „technische, ökonomische und gesellschaftliche Revolution“ einstuft. Dabei werden Tieren Stammzellen entnommen und diese in einer Nährlösung zu Fett- und Muskelfleisch gezüchtet. Knochen oder Abfälle? Fehlanzeige. Nicht nur deshalb gilt Fleisch aus dem Reaktor als effizient und klimafreundlich: Land- und Wasserverbrauch werden auf ein Minimum reduziert, die CO2-Bilanz fällt nach Einschätzung vieler Experten deutlich besser aus.

Vor allem Start-ups aus Israel, den USA und den Niederlanden treiben heute die Entwicklung voran, zum Beispiel Memphis Meats, Eat Just, SuperMeat und Meatable. Deutschland sei im Rückstand, erst jetzt gründeten sich Unternehmen, sagt Petra Kluger, Vizepräsidentin Forschung an der Hochschule Reutlingen und Expertin für Tissue Engineering: „Wir haben das Thema viel zu lange ignoriert.“

Der Handel jedoch bereite sich auf den Trend bereits vor, sagt Keitzer (siehe Interview unten). Die Migros ist als einer der Vorreiter über ihre Tochter M-Industrie an Aleph Farms beteiligt, einem Unternehmen mit Sitz nahe Tel Aviv, das im vergangenen Jahr mit dem Prototyp eines Rindersteaks aufwartete. Einer Studie der Beratung AT Kearney zufolge wird Clean Meat 2030 bereits zehn Prozent des globalen Fleischkonsums decken, 2040 sollen es 35 Prozent sein.

Konsumenten sind aufgeschlossen

Ob es tatsächlich so kommt, ist offen. „Ein wichtiger Faktor für die Größe des Marktanteils wird der Preis sein“, heißt es bei der Migros. Wie bei jeder Innovation sind die Kosten für Prototypen astronomisch, sie sinken allerdings drastisch, wenn die Produktion Standard wird. Als 2013 das niederländische Start-up Mosa Meat den ersten Laborfleisch-Burger der Welt vorstellte, kostete der Patty eine viertel Million Euro. Heute werden in einem Restaurant in Singapur zellbasierte Chicken Nuggets für 14 Euro serviert.

Ob sich Laborfleisch preislich jemals mit konventionell erzeugter Massenware wird messen können, ist umstritten. Aber das ist ohnehin der falsche Vergleich, findet Professorin Kluger. Schließlich seien viele Konsumenten heute bereit, für nachhaltige Produkte mehr Geld auszugeben. Und: „Weil die Herstellung von künstlichem Fleisch gut zu beeinflussen ist, wird es viele neue Produkte geben“ – wie Burger mit Folsäure für Schwangere oder besonders zarte Schnitzel für Hochbetagte.

Zielgruppen sind damit nicht nur Klimafreunde und Sensible, die zwar Fleisch essen, aber am liebsten keine Tiere getötet wissen wollen, sondern „Menschen, die sich mit ihrer Ernährung auseinandersetzen“, wie es Kluger formuliert. Wenn sie Vorträge über Laborfleisch hält, sitzen im Publikum neben umweltbewussten Teenagern auch Senioren. Kluger: „Die Aufgeschlossenheit gegenüber Clean Meat ist größer, als man denkt.“

Komplexes Zulassungsverfahren

Die großen Corona-Ausbrüche in der Fleisch­industrie, die mit massiver Kritik an den Arbeitsbedingungen am Schlachtband einhergingen, haben das noch verstärkt. „Künftig wird es im Supermarkt neben der Kühltruhe mit vegetarischen und veganen Produkten auch eine mit Kunstfleisch geben“, prognostiziert die Expertin.

Und dabei wird es nicht bleiben. Schon gibt es Start-ups, die auch Fisch, Milch, Eier, Seide und Leder im Labor erzeugen wollen. „Weil ihre Strukturen weniger komplex sind als die von Fleisch, könnten diese Produkte sogar schneller auf den Markt kommen als Kunstfleisch“, schreiben die Analysten von AT Kearney. Auch künstlich erzeugte Milch oder Eier indes würden in der EU wohl als „Novel Food“ eingestuft und müssten mit einer lang andauernden Prüfung durch Regulierungsbehörden rechnen. Kluger: „Das Zulassungsverfahren ist derzeit schwerer einzuschätzen als der Forschungsstand.“

Schlagworte: Fleisch, Tierwohl

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