Studie

Coronakrise beschleunigt Strukturwandel im Handel

Neue Zahlen des IFH Köln und der Kölner Universität zeigen: Pandemiebedingt wird der Strukturwandel im Handel circa sieben bis acht Jahre früher erfolgen. Geschäftsaufgaben, Onlinewachstum und Formatverschiebungen erfolgen mit nie dagewesener Dynamik.

24.03.2021

© Daniel Kubirski / Picture Alliance

Strukturwandel ist im Handel nichts neues, die Pandemie beschleunigt ihn allerdings einer Studie zufolge erheblich.

Die Lage im deutschen Handel ist ernst, die Pandemie hat Kundenverhalten und Wettbewerbssituation maßgeblich beeinflusst. Der Studie zufolge hat vor allem die Geschwindigkeit, mit der Veränderungen im Markt sichtbar werden, drastisch zugenommen. Beispiel Geschäftsaufgaben: Durch die Coronapandemie hat sich der Zeithorizont für Prognosen deutlich verkürzt – und zwar um circa sieben Jahre. Laut den Studienautoren werden bis 2023 bis zu einem Fünftel der stationären Läden ihre Türen schließen müssen, in absoluten Zahlen wären das rund 80.000 Geschäfte. Für das bestehende Jahr spanne sich die Situation zusätzlich an durch dem Lockdown geschuldete Liquiditätsengpässe.

Auch dem Wachstum des Onlinehandels verleihe die Pandemie weiteren Schub. Rechneten die IFH-Experten bisher mit einem Onlineanteil von bis zu 22 Prozent bis 2030, werden diese „Vor-Corona-Prognosen“ zum Onlineanteil am Handel insgesamt bis zu acht Jahre früher eintreten, heißt es. Gleichzeitig würden die Chancen für einen strukturierten Transformationsprozess durch die Pandemie und die dadurch entstandenen Liquiditätsengpässe geringer.

„Für Unternehmen hat diese Entwicklung in erster Linie eine organisatorische Konsequenz: Es gilt, sich so aufzustellen, dass die Geschwindigkeit mitgegangen werden kann. Agilität und Innovationswille sind entscheidend für zukunftsorientierte Geschäftsmodelle“, kommentiert Eva Stüber, Expertin für Transformation am IFH, die Ergebnisse.

Sonderkonjunkturen in einzelnen Branchen

Mit dem rasant wachsenden Onlineanteil einerseits und dem durch die Coronapandemie veränderten Bedarf der Konsumenten andererseits haben sich die Formatstrukturen im Einzelhandel deutlich verschoben, so ein weiteres Ergebnis der Studie. Verloren hat vor allem der stationäre Nonfood-Fachhandel – und damit die Basis der Innenstädte. Neben dem Onlinehandel zählt auch der Lebensmitteleinzelhandel zu den Gewinnern: Rund 12 Prozent konnte der LEH laut aktueller Hochrechnungen 2020 gegenüber 2019 an Umsatz zulegen.

Und auch der Blick auf die Handelszweige zeigt demnach ein Ausnahmejahr: Während der Fachhandel mit Bekleidung 2020 im Vergleich zu 2019 knapp ein Viertel an Umsatz verloren hat, konnte der Fahrradmarkt um fast 34 Prozent zulegen. Damit erreiche die Wachstumsratenamplitude zwischen den Handelszweigen für 2020 circa 60 Prozent – in normalen Jahren liege diese bei circa 15 Prozent, heißt es.

„Das Coronajahr 2020 spiegelt sich eindrücklich im Kaufverhalten wider. Die Bedarfe der Konsumenten haben sich deutlich verschoben. Belletristik statt Reiseliteratur, Ausstattung für Einzel- statt Mannschaftssport und gesteigerte Ausgaben für das eigene Zuhause resultieren in einer extremen Sonderkonjunktur“, erklärt Ökonom Professor Werner Reinartz von der Universität Köln.

Datenbasis:
Unter dem Titel „Handel in Coronazeiten – Status quo und Perspektiven“ haben Professor Werner Reinartz von der Kölner Universität und das IFH Köln relevante Zahlen zu Markt, Wettbewerb und Konsumverhalten für den Handel der Zukunft zusammengetragen. Die neu berechneten Daten zur Handelsentwicklung unter dem Einfluss der aktuellen Pandemie gehen von den Berechnungen der IFH-Experten für das „Handelsszenario 2030“ aus und wurden auf Basis des IFH-Brancheninformationssystems aktualisiert. Berechnungsstand: Februar 2021.

Schlagworte: Coronakrise, Einzelhandel, IFH Köln

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