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Wenn die neue Normalität fast wie die alte wird

Wie schnell sich die Zeiten ändern können, hat uns dieses Jahr auf drastische Weise vor Augen geführt. Noch vor gut einem Monat malte ich an dieser Stelle das Schreckensszenario einer zweiten und dritten Pandemiewelle aus. Doch die Perspektive hat sich binnen weniger Wochen gedreht.

Von Ian McGarrigle 05.12.2020

© raquel/stock.adobe.com

Der Online-Einkauf hat sich als Routine in allen Altersklassen und sozialen Milieus durchgesetzt.

Inzwischen geht es um wirksame Impfstoffe; fast täglich erreichen uns jetzt Meldungen über weitere Durchbrüche in der Pharmaentwicklung. Die Chancen auf einen Impfstart noch vor Ende dieses Jahres, spätestens jedoch zu Beginn des Jahres 2021, stehen gut. Etwa zur gleichen Zeit, am 20. Januar, wird mit dem Machtwechsel im Weißen Haus auch das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen eingelöst.

Die weltweite Resonanz auf den Sieg von Joe Biden und die Aussicht auf einen Impfstoff war einmütig: Der Albtraum hat ein Ende. Selbst die internationalen Aktienmärkte reagierten mit bemerkenswerten Kurssprüngen. Anleger stürzten sich nicht nur auf Pharma-Aktien, sondern zeigten auch wieder großes Interesse an Tourismusfirmen, Airlines sowie Freizeit- und Unterhaltungsanbietern. Gleichzeitig fielen die Werte jener Unternehmen, die unter den Pandemie-Bedingungen zu den großen Gewinnern gehörten, darunter Zoom und Pure Player wie Ocado und Asos.

Doch sind diese Börsenmeldungen wirklich ein guter Indikator in Sachen wirtschaftlicher Erholung? Im Moment gehen wir davon aus, dass die Veränderungen, die sich in diesem Coronajahr vollzogen haben, unsere Entwicklung mittel- und langfristig prägen werden und es kein Zurück zu den Routinen vor der Coronapandemie gibt. Doch könnte es nicht auch sein, dass wir einfach wieder an jene Freizeitvorlieben anknüpfen, die uns so lange verwehrt waren: Sportveranstaltungen, Theater, Kino, Urlaubsreisen, Restaurantbesuche? Der Blick nach China zeigt, dass der Alltag zum größten Teil wieder in jene Bahnen zurückfindet, die wir vor einer Weile noch Normalität genannt haben.

Doch wie steht es um den Einzelhandel? Kommt er in dieser neuen Normalität noch vor – und wenn ja, in welcher Form? Man kann getrost davon ausgehen, dass sich der Online-Einkauf als Routine in allen Altersklassen und sozialen Milieus durchgesetzt hat. Weil viele Händler im gleichen Zuge die Zahl ihrer Filialen reduzieren, verstärkt sich dieser Trend weiter und führt auf mittlere Sicht zu einer Neuordnung der Einzelhandelslandschaft.

Sollte sich dank des Impfstoffs rasch eine flächendeckende Immunität einstellen, die den Menschen Sicherheit verleiht, ist mit der wirtschaftlichen Erholung auch „nachholender Konsum“ denkbar – China macht’s vor. Doch die große Frage bleibt: Wo werden die Menschen ihr Geld ausgeben, und vor allem, bei wem? Was zählt, sind Preis und Qualität, neue und spannende Produkte, Kundenzufriedenheit sowie eine nahtlose Online-offline-Experience. Zu den Gewinnern werden Unternehmen gehören, die Purpose und Vertrauen in den Mittelpunkt stellen und zugleich schnell und effizient liefern können.

Händler, die aus ihren Erfahrungen der zurückliegenden Monate genau diese Lehren gezogen haben, sind angesichts der zu erwartenden Entwicklungen klar im Vorteil. Für diejenigen, denen es an diesen Einsichten mangelt, sieht es nicht so gut aus.

Schlagworte: Kolumne, Coronakrise, Coronavirus, Ian McGarrigle

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