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Bleibt alles anders

Inzwischen liegt die erste Hälfte des Jahres 2021 hinter uns – und die Covid-19-Pandemie dehnt sich gefühlt ins Endlose. Diese Situation mag für die Wirtschaft schwer auszuhalten sein, doch noch unerträglicher ist sie für die Verbraucher.

Von Ian McGarrigle 03.08.2021

© Adobe Stock

Es zeigt sich, dass die Menschen die Stadt zurückerobern. Als größte Hemmnisse erweisen sich dabei zurzeit noch Angst, Verwirrung und Sicherheitsbedenken.

Zum Inventar der einschlägigen Experten gehört die stets beteuerte Erkenntnis, dass sich das Verbraucherverhalten durch die Pandemie grundlegend und wahrscheinlich irreversibel verändert hat: Nichts wird wieder so, wie es war, heißt es. Die langen Phasen des verschärften Lockdowns haben uns schließlich neue Regeln aufgezwungen und die Normalität dadurch schleichend, aber nachhaltig transformiert. Das Einkaufen hat sich ins Internet verlagert, da man auf anderem Wege die gewünschten Produkte nicht mehr bekommt. Und einmal online, immer online – so die Schlussfolgerung der Experten.

Nun ist die Pandemie in eine neue Phase getreten. Doch spricht immer noch alles für ein unwiderruflich verändertes Verbraucherverhalten? Mit Blick auf Großbritannien, insbesondere England, wo die Geschäfte, Bars und Restaurants schon ab Mitte April wieder öffnen durften, zeigt sich, dass die Menschen die Stadt zurückerobern. Einer Erhebung des Marktforschungsunternehmens Kantar zufolge wurden zwischen Mitte Februar bis Mitte Mai insgesamt 58 Millionen Supermarktbesuche mehr gezählt als im Vergleichszeitraum 2020. Gleichzeitig ging in diesen Wochen der Anteil der Online-Lebensmitteleinkäufe von 15,4 Prozent auf 13,4 Prozent des Gesamtumsatzes zurück. Die Umsätze der Modekette Primark, die nach wie vor ausschließlich auf stationäre Geschäfte setzt, stiegen, gemessen am Vorjahr, um 207 Prozent, von 600 Millionen auf 1,6 Milliarden Pfund Sterling.

Wer diese Zahlen verstehen will, sollte Ken Murphy, dem CEO von Tesco, zuhören. Bei der Vorstellung der jüngsten Quartalszahlen konstatierte er, dass sich die Einkaufsgewohnheiten mit der Aufhebung der Lockdown-Beschränkungen erneut geändert hätten. Die Menschen gingen nun wieder häufiger in die Läden, so Murphy, und der im Lockdown verbreitete Trend zum großen Wocheneinkauf würde ebenso abflauen wie das Home Cooking. Denn auch die Restaurants vermeldeten wieder steigende Gästezahlen.

Die Unternehmensberatung Deloitte hat zu Anfang der Pandemie begonnen, mithilfe sogenannter Consumer Tracker den Wandel des Verbraucherverhaltens in 18 Ländern zu erfassen. Die jüngste Erhebung zeichnet ein paradoxes Bild: Während die allgemeine Besorgnis angesichts der Situation auf einem hohen Niveau verharrt, zeigen sich zugleich klare Tendenzen hin zu einem Vor-Corona-Verhalten. Das trifft besonders auf die USA zu, wo die Impfquote hoch ist und die Infektionsraten fallen. Für den Handel ist diese Wende doppelt erfreulich: Die Menschen kommen nicht nur zurück in die Geschäfte, sondern betrachten den Einkauf zugleich als sicherste Aktivität, sicherer als den Aufenthalt am Arbeitsplatz oder Flugreisen.

Kann also tatsächlich von einem auf Dauer umgekrempelten Verbraucherverhalten die Rede sein? Okay, die Online-Umsätze steigen weiter, doch keineswegs auf dem Niveau des zurückliegenden Jahres. Die Menschen wollen wieder etwas erleben! Als größte Hemmnisse erweisen sich dabei zurzeit noch Angst, Verwirrung und Sicherheitsbedenken angesichts oft wenig plausibler Kontaktbeschränkungs-Maßnahmen.

Keine Frage, die allgemeine Unsicherheit wird noch eine Weile anhalten, und es wird sicherlich kein fixes Datum geben, an dem wir das Ende der Pandemie verkünden können. Händler müssen sich deshalb noch stärker auf ihre Kunden konzentrieren, wenn es darum geht, Vertrauen und Verlässlichkeit neu aufzubauen. Ob es ihnen gelingt, die Kunden wieder in die Geschäfte zu locken, hängt von drei Faktoren ab: tolle Produkte, tolle Erfahrungen und toller Service. Wie immer eigentlich.

Hier geht es zum Blogger-Profil von Ian McGarrigle.

Schlagworte: Coronakrise, Verbraucherverhalten, Konsum, Kolumne

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