Marketing

Authentizität vor Schönheit

Selbst kleinere Einzelhändler setzen in der Coronakrise auf Marketing via Social Media. Entsprechend groß ist der Bedarf an semiprofessionellen Darstellern. Die Onlineplattform Model Management vermittelt sie zu günstigen Konditionen.

Von Nele Husmann 28.07.2020

© Hoer/Joan Cuni

Auf lässige Gesichter, die zur Community passen, setzte Matthias Herbst für seine Kopfhörermarke „Hear-Her“.

Eigentlich handelt der Bielefelder Matthias Herbst mit Musikelektronik. Entweder beliefert er den Großhandel mit Artikeln für Tonstudios oder richtet Musikstudios ein, wie das des amerikanischen Rappers 50 Cent. Derzeit baut er eine eigene, kleine und feine Marke auf, die Kopfhörer speziell für Frauen entwickelt – Hear-Her.

„Für unsere Kampagne waren wir auf der Suche nach Gesichtern, die lässig sind und für unsere Community genau die richtige Botschaft rüberbringen“, erinnert sich Herbst. Auf der Onlineplattform Model Management fand er, was er suchte. „Klar ginge das theoretisch auch direkt über Social-Media-Kanäle wie Instagram, aber mir gefiel der Service.“ Schnell fand der Gründer die passenden Darsteller, die zugleich Diversität ausstrahlten und direkt vor Ort in Berlin zu buchen waren.

Die Onlineplattform Model Management kommt zur rechten Zeit. Das Model-Business demokratisiert sich zunehmend. Superstars der Branche wie einst Linda Evangelista haben Konkurrenz von Filmstars, Sängern und Fußballern bekommen. In der früher so glamourösen Branche kann im digitalen Zeitalter jeder dabei sein.

Viele, die gern bei professionellen Fotoshoots mitmachen wollen, zeigen ihre Fotos nicht nur auf Instagram. Sie laden sie auch direkt auf Model Management hoch. 55 000 Auftraggeber sind dort akkreditiert, 1,2 Millionen Profile registriert. Pro Jahr verdreifacht sich die Zahl der Models auf Model Management, ebenso die Anzahl der vermittelten Aufträge. Die Community der Models stammt aus mehr als 200 Ländern, Schwerpunkte aber liegen in Deutschland, Frankreich, Spanien, den USA und Großbritannien.

Aktuell setzen sich Models selbst in Szene

„Noch suchen in erster Linie Produzenten und Fotografen im Auftrag von Firmen für deren Werbekampagnen nach Darstellern“, sagt Andreas von Estorff, 54 Jahre, der Model Management 2017 in Barcelona gründete. „Doch weil Unternehmen immer kurzfristiger immer mehr Content produzieren, ist es lediglich eine Frage der Zeit, bis die ersten Einzelhändler eigene Produktionsabteilungen im Haus aufbauen, die dann direkt unsere Kunden werden.“

Auch Einzelhändler, die in sozialen Netzwerken eine immer größere Präsenz aufbauen, haben einen erhöhten Bedarf an Models und Gesichtern – und das bei kleinsten Budgets. Werbekampagnen für die deutsche Supermarktkette Lidl, die Schweizer Lebensmittelkette Migros, den Modediscounter C&A oder den Online-Modehändler Zalando wurden schon mit auf Model Management gescouteten Darstellern besetzt.

In der Coronakrise nutzen Marken Model Management sogar mehr denn je. Sie suchen auf der Plattform passende Models aus und schicken ihnen ihre Produkte, mit dem Auftrag, dass diese sie zu Hause selbst in Szene setzen und sich damit fotografieren. Diese Fotos veröffentlichen die Marken dann auf ihren Social-Media-Kanälen.

„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Einzelhändler eigene Produktionsabteilungen im Haus aufbauen und unsere Kunden werden.“

Andreas von Estorff, Model Management

Von der Branche zunächst boykottiert

Die Liebe brachte den Wirtschaftsingenieur von Estorff zur Modelbranche – er ist mit dem früheren Model Mariela von Estorff verheiratet, die einst wie Claudia Schiffer in Düsseldorf von Michel Levaton entdeckt wurde. Von Estorff hatte schon damals die Idee, das Geschäft der Modelagenturen grundlegend zu verbessern. Er registrierte 1996 die Domäne Model Management, wurde aber von der Szene boykottiert.

2008, als die sozialen Medien abhoben, startete er einen erneuten, wieder vergeblichen Versuch. Immerhin verkaufte er eine Software, die die Agenturprozesse digitalisierte. Erst bei seinem dritten Anlauf 2017 war die Zeit reif für eine Fotomodell-Plattform im Internet, die, grob gesagt, funktioniert wie AirBnB in Sachen Zimmervermietung. Inzwischen laden selbst mehrere 1 000 klassische Modelagenturen ihre Sed-Karten auf seiner Plattform hoch, um in der Branche eine höhere Visibilität zu erreichen.

„Gerade bei komplexen Jobs hilft die große Auswahl auf Model Management enorm weiter“, sagt Pierre Mallmann, dessen Produktionsfirma Set-Up Foto- und Video-Shoots organisiert. Etwa, als er für die Versicherungsgesellschaft Ergo echte Zahnärzte in ihrer Praxis finden sollte – und die Praxen ganz modern aussehen sollten. Oder als er komplette, authentische Familien casten musste. „Ist auch nur einer von denen schüchtern, gelingt es nicht“, sagt er. Auch für Produktionen von BMW und der Schweizer Möbelfirma Pfister fand Mallmann die richtigen Darsteller auf Model Management.

XXL-Größen und ältere Menschen gefragt

Model Management bringt Zuverlässigkeit in einen undurchsichtigen Markt. Jeder kann sich auf Model Management registrieren – gerade auch ältere Menschen, XXL-Größen und Menschen mit Bart oder Tattoos sind oft gefragt. Dazu welche mit speziellen Talenten – sei es Tanzen, Ballett oder Golfspielen. 90 Prozent der Profile sind von Laien, die nur wenige Male im Jahr für Fotoproduktionen gebucht werden. Für die Vermittlung verlangt die digitale Agentur eine Gebühr von zehn Prozent – ein Bruchteil dessen, was klassische Vermittler nehmen.

Auch die Seriosität der Auftraggeber überprüft Model Management. „Ich stehe ganz auf der Seite der Models“, sagt von Estorff – nicht nur seine Frau modelte früher, auch seine Töchter sind als Models aktiv: Er will die Abhängigkeit der Models von den klassischen Agenturen, die sich oft nicht an Preisabsprachen hielten und bis zu der Hälfte der Honorare einbehielten, reduzieren.

Die Vielfalt der Menschen auf Model Management macht es. Joan Cuní nutzt die Plattform seit der ersten Stunde. „Dass es dort echte Menschen gibt, ist für viele meiner Kunden heute sehr wichtig“, sagt der Produzent aus Barcelona. „Die dürfen sogar hässlich sein – Hauptsache, sie haben ein gewisses Etwas.“ Jüngst buchte er für eine Produktion der Schuhmarke Bata alle Models über die Website. „Die klassischen Agenturen bieten nur schöne Menschen. Ich brauchte Authentizität.“

Schlagworte: Social Media, Marketing, Einzelhandel

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