Kunststück

Geht es um illustrative Gestaltung, setzen viele internationale Medien auf die Kreativität von Sarah Illenberger. Das Cover dieser Jubiläums­ausgabe des handelsjournal hat die Künstlerin ebenfalls gestaltet.

Von Mirko Hackmann 07.05.2019

© Office Sarah Illenberger/Johannes Berger

So geht Kunst: Sarah Illenberger bei der Feinjustierung einer Rose.

Das lichte Loft im ersten Stock eines Hinterhof­gebäudes im Berliner Wedding mutet an wie eine chaotische ­Mischung aus Werkstatt, Kreativladen und Blumen­geschäft. Sarah Illenberger scheint an Dutzenden Sachen gleichzeitig zu arbeiten und das Material für unzählige weitere Projekte in den hohen Regalen eingelagert zu haben. Die Wände des Ateliers hängen voll mit Skizzen und Werkzeugen, auf Tischen und Ablagen liegen zahllose Objekte aus Papier, Holz und allem Möglichen.

„Ich habe mich im Vorfeld intensiv in die Entwicklung des Einzelhandels eingelesen und bemerkt, wie sehr die Digitalisierung die gesamte Branche verändert“, erzählt die Künstlerin. Zunächst habe sie darüber nachgedacht, aus der Wand eines Versandkartons Fenster und Türen auszuschneiden, sodass der Eindruck entsteht, es handle sich um die Front eines klassischen Warenhauses. Doch dann erschien ihr die Idee mit den Waren auf dem Motherboard sinnfälliger. „Ebenso wie der E-Commerce und die dahinterstehende Logistik ist ein Motherboard hochkomplex und seine Funktionsweise für den Laien nicht zu verstehen.“

Ausgeschnittene Silberfolien markieren auf grünem Grund die Steckplätze und Leiterbahnen der Haupt­platine. Doch wo sich sonst Kühler, CPU-Sockel und IDE-Anschlüsse befinden, platziert Illenberger hellblaue Rechen, gelbgrüne Melonen und durch­sichtige Zitronenpressen in serieller Anordnung. So entsteht nach und nach ein immer komplexeres stilisiertes Abbild eines Motherboards in etwa zehn­facher Vergrößerung.

Die Ambivalenz und Vielschichtigkeit von Alltags­gegenständen mit künstlerischen Mitteln in den Fokus zu rücken, ist ein Grundprinzip von Illenberger. So auch beim Motherboard. Denn der scheinbar virtuelle Vorgang einer Warenbestellung im Internet ist am Ende auf hand­festes Material angewiesen: auf Schaltkreise, Steckplätze, elektrische Verbindungen. Für ihre aufwendigen Arbeiten, bei denen sich dreidimensionale Installationen in zweidimensionale Illustrationen verwandeln, setzt Illenberger auf reale Haptik statt seelenlose Animationen oder Computergrafik: „Das Ergebnis wirkt lebendiger und authentischer als am Rechner produzierte Bilder.“ Letztlich überzeugt in der Kunst wie auch beim Einkaufen offenbar nach wie vor das Reale mehr als das Virtuelle.

Sarah Illenberger, 1976 in München geboren, ist eine in Berlin ansässige Künstlerin, Illustratorin und Designerin. Nach ihrem Studium am Central Saint Martins College of Art and Design gründete sie zunächst ein Schmuck­label und arbeitete fünf Jahre lang als Grafik­designerin für das Magazin Neon. Seit 2007 unterhält sie ein Atelier in Berlin. Aus unterschiedlichen Materialien und mittels verschiedener Techniken kreiert sie Installationen, die sie später abfotografiert oder an öffentlichen Orten ausstellt. Ihre Arbeiten erscheinen in Büchern, Magazinen, Digitalmedien und Schaufenstern. Mehr Informationen unter sarahillenberger.com

Schlagworte: Kreativität, Werkstattbericht

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