Einkaufstüte

Tragende Rolle

Praktisch, vielseitig und über lange Zeit schier unverzichtbar: Nicht nur bei den alljährlichen Weihnachtseinkäufen sind Einkaufstüten eine willkommene Tragehilfe. Doch je häufiger online gekauft wird, desto mehr verliert die „Säule der Konsumgesellschaft“ an Bedeutung.

Von Marvin Brendel 05.01.2021

© dpa Picture Alliance/Roland Weihrauch

Ab den 1960er-Jahren setzen große Warenhauskonzerne, aber auch viele Supermärkte verstärkt auf Tüten, Beutel und Tragetaschen aus Kunststoff.

Das Wort „Tüte“ taucht im deutschen Sprachraum um die Mitte des 16. Jahrhunderts auf. So enthält unter anderem Grimms Wörterbuch von 1550 den Begriff „Dotenpapier“. Aus dem „Tütenpapier“ drehen Händler Spitztüten für lose Schüttwaren. Dafür nutzen sie meist altes Pack- oder Zeitungspapier, in das damals auch viele andere Waren eingeschlagen werden. Ab 1853 kommen die ersten industriell gefertigten Papiertüten auf den Markt. Vor allem Kolonialwarenhändler, aber auch Samenzuchtbetriebe und Apotheken freuen sich über die Erlösung vom „geisttötenden“ Tütenkleben

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann die deutsche Papierindustrie bereits viele Arten von Tüten und Taschen liefern. Zu den größten Produzenten zählen die Deutschen Maschinen- und Papier-Industriewerke aus Leipzig. Das Unternehmen wirbt schon damals mit den bis heute gängigen Argumenten für seine Produkte: kürzere Einpackzeiten an den Kassen bei weniger Personalaufwand und insgesamt niedrigeren Kosten. So rechnen die Leipziger vor, dass das herkömmliche Verpacken von drei Haushaltsschürzen mit Papier und Bindfaden 45 Sekunden dauert – mit einer Einkaufstüte sind es dagegen nur 15 Sekunden. Ebenso betont das Unternehmen bereits die höhere Kundenzufriedenheit durch eine schnellere Bedienung und die Reklamewirkung der Tragetaschen.

Trotz der überzeugenden Gründe für die Einkaufstüte beginnt ihr Siegeszug erst in der Wirtschaftswunderzeit mit dem Durchbruch der Selbstbedienung. Viele Supermärkte und Discounter legen sie freigiebig in ihren Kassenbereichen aus, um das Einkaufen noch schneller zu machen. Doch je lukrativer der Markt wird, umso mehr Hersteller wollen daran teilhaben. Im harten Preiskampf sparen sie an der Papierqualität und Papierstärke. Die Reißfestigkeit der Tüten nimmt ab, das Vertrauen der Kunden in ihre Zuverlässigkeit schwindet.

Plastik statt Papier

Ab den 1960er-Jahren setzen daher vor allem die großen Warenhauskonzerne wie Horten oder Kaufhof, aber auch viele Supermärkte verstärkt auf Tüten, Beutel und Tragetaschen aus Kunststoff. Neben der höheren Belastbarkeit und der Nassfestigkeit sprechen dafür inzwischen auch die Kosten. Schnell steigt der Marktanteil der Plastiktüten: Sind 1968 von 100 Tragetaschen noch 71 aus Papier und lediglich 29 aus Kunststoff, so hat sich das Verhältnis vier Jahre später gedreht. Nun sind 73 Einkaufstüten aus Plastik und nur noch 27 aus Papier.

Jute statt Plastik

Doch schon früh regt sich auch Kritik an der Tüte aus dem Erdölprodukt Polyethylen: Der 68er-Bewegung gilt sie als Symbol der Wegwerfgesellschaft und der Umweltverschmutzung. Noch heute bekannt ist der in den späten 1970er-Jahren geprägte Slogan „Jute statt Plastik“. Der Einkaufsbeutel aus Jute, vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel als „Gesinnungstextil“ bezeichnet, wird zum Symbol für eine politisch korrekte Haltung gegen Ressourcenverschwendung und für die Unterstützung von Niedriglohnarbeiten in Entwicklungsländern.

Bei den meisten Kunden kommen die Kunststofftüten allerdings gut an: Sie stehen für die moderne Zeit, sind leicht, reißfest und wasserdicht – und lassen sich zu Hause noch wunderbar zum Einpacken nasser Badesachen oder als Müllbeutel nutzen. Mit übergroßen Logos und Schriftzügen von internationalen Edelmarken versehen, dienen die Tüten zudem als Statussymbole. Von Anfang der 1970er-Jahre bis zur Jahrtausendwende steigt der Pro-Kopf-Verbrauch in der Bundesrepublik von 20 auf 85 Tüten an. Daran ändert auch die Einführung eines „Tütengroschens“ ab 1974 wenig. Der Preis von 10 Pfennig wird zwar als ökologische Maßnahme verkauft, tatsächlich versuchen die Handelsunternehmen damit jedoch, die Kostensteigerungen infolge der Ölkrise aufzufangen.

Mit dem wachsenden ökologischen Bewusstsein der Menschen gewinnt die Diskussion um die Kunststofftüten nach der Jahrtausendwende wieder neuen Schwung. Diesmal mit mehr Erfolg: Die Zahl der ausgegebenen Plastiktragetaschen sinkt in Deutschland seit 2000 von sieben Milliarden auf 3,7 Milliarden Stück, der Pro-Kopf-Verbrauch fällt auf 24 Stück pro Jahr. Zu dieser Entwicklung trägt auch eine freiwillige Selbstverpflichtung des Handelsverbands Deutschland bei. Die beteiligten Unternehmen geben ab Juli 2016 bis auf wenige Ausnahmen keine Kunststofftüten mehr kostenlos an ihre Kunden ab.

Für eine weitere Reduzierung des Plastikabfalls sollen zudem neue Materialien wie kompostierbares Plastik aus Mais- oder Kartoffelstärke sorgen. Klar ist allerdings auch: Je weniger die Menschen im stationären Einzelhandel einkaufen, umso geringer ist der künftige Bedarf an Einkaufstüten. Stattdessen wächst nun aufgrund der steigenden Zahlen von Onlinebestellungen die Menge des Verpackungsmülls. Auch hier sind neue Lösungsansätze gefragt.

Schlagworte: Meilensteine des Handels

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