Digitale Transformation

Alex, Iosy und Pepper erobern die Fläche

Kluge Forscher arbeiten intensiv an KI-gestützten Lösungen für stationäre Händler. Was von solchen Projekten zu erwarten ist und wie Unternehmer davon profitieren können.

Von Eva Neuthinger 30.03.2021

© pi4 robotics GmbH/Pfadfinderei

Beat it: DJ Rob, wie seine Brüder Alex und Iosy aus dem Hause Pi4_Robotics, verwandelt Verkaufs­­events in Tanzpartys.

Dank Alex musste die Conrad-­Filiale in Berlin-Schöneberg nicht komplett schließen. Denn Alex war vermutlich der einzige Verkäufer in Deutschland, der in den schlimmsten Coronazeiten während des Shutdowns Tag für Tag Elektronik über den Ladentisch ausgeben durfte. Der Roboter reichte aus einem sogenannten Workerbotkiosk der Firma Pi4_Robotics gängige Artikel wie Powerbanks, Netzteile, Batterien oder Einwegkameras über die Ladentheke.

Dank Künstlicher Intelligenz ist Alex in der Lage, Emotionen zu zeigen und zwölf verschiedene Gesichtsausdrücke darzustellen. „Für die Kunden ein besonderes Einkaufserlebnis“, kommentiert Matthias Krinke, Geschäftsführer von Pi4_Robotics in Berlin, die intelligente Roboter wie Alex für den Handel entwickelt. Erst jüngst zum Beispiel das Modell Iosy_4, das dabei hilft, die in Coronazeiten geltenden Hygienemaßnahmen umzusetzen. So vermag Iosy, sich die Anzahl der Besucher im Geschäft zu merken. Zudem hält der Roboter Augenkontakt mit den Kunden und fordert sie auf, sich beim Betreten eines Marktes die Hände zu desinfizieren. „Er erkennt Menschen, zwinkert ihnen zu und zählt während des Desinfektionsvorgangs auf dem Gesicht sichtbar zwanzig Sekunden rückwärts“, so Krinke.

Seit dem Frühjahr vergangenen Jahres ist der Roboter auf dem Markt, ab Februar 2021 sollen Unternehmer ihn auch mieten können. „Wir reagieren mit diesem Angebot auf die finanziell angespannte Situation vieler Händler, die erhöhte Investitionskosten vermeiden wollen“, begründet das Krinke.

Alex und Iosy sind nur zwei Beispiele für humanoide Serviceroboter, die in stationären Geschäften mittlerweile auf vielfache Weise Einsatz finden: Ihr Kollege Paul beispielsweise tut seinen Dienst als Empfangs​chef bei Saturn, Pepper scannt in der RheinBerg Galerie Bergisch Gladbach die Gesichter der Kunden und erkennt, wer einen Mund-Nasen-Schutz trägt und wer nicht.

KI-getriebene Disruption

„Momentan nimmt das Thema Künstliche Intelligenz Gestalt an und wird nicht nur bei der Steuerung von Robotiklösungen, sondern auch in vielen anderen Bereichen schlagartig zu einer relevanten Größe werden“, meint Marco Atzberger, Mitglied der Geschäftsleitung beim EHI Retail Institute (EHI) in Köln. Das EHI hat in einem aktuellen Whitepaper verschiedene Szenarien entwickelt, welchen Einfluss Künstliche Intelligenz in den kommenden Jahren auf den Einzelhandel nehmen könnte. Demzufolge treiben derzeit im Wesentlichen einige wenige große und kapitalstarke Konzerne die Entwicklung voran. „Erwartet werden darf langfristig aber eine durch KI ausgelöste Disruption, die von Händlern aktiv mitgestaltet werden kann“, prophezeit Atzberger.

Um diesen Prozess zu beschleunigen, unterstützt das Bundeswirtschaftsministerium Forschungsprojekte wie zum Beispiel Knowledge4Retail (K4R). Daran beteiligt ist ein Konsortium führender Institute, IT-Spezialisten und Handelshäuser wie das EHI, das Fraunhofer Institut, das Institut für Künstliche Intelligenz an der Universität Bremen oder der Drogeriemarkt dm. „Wir wollen mithilfe Künstlicher Intelligenz stationäre Händler in die Lage versetzen, Daten ähnlich effektiv wie im Onlinegeschäft zu nutzen und automatisiert Prozesse zu optimieren“, erklärt Andreas Wulfes, Projektleiter Knowledge4Retail vom Softwarepartner Team Neusta in Bremen.

Virtuelle Reproduktion von Filialen

Momentan modellieren die Forscher den digitalen Zwilling eines realen Drogeriemarktes. „Wir entwickeln sozusagen die virtuelle Reproduktion einer Filiale“, so Wulfes. Ziel ist es, die Replikation auf einer offenen Softwareplattform skalierbar abzubilden. Dazu scannt ein Roboter zunächst den gesamten Markt: die Anordnung der Regale, sämtliche Produkte, die möglichen Laufwege, bis hin zur Kassenzone. „In einem nächsten Schritt verknüpfen wir den digitalen Zwilling semantisch mit den Daten einer realen Filiale, beispielsweise aus Analysen der Kundenfrequenzmessung, von Kassenbons, der Bestände oder aus dem Marketing“, so Wulfes.

Auf dieser Grundlage lassen sich unter anderem neue Produkte oder Sortimentsveränderungen virtuell testen, derweil die reale Filiale davon unberührt bleibt. So will K4R Unternehmen dabei unterstützen, ihr filialindividuelles Category-Management zu verbessern, effiziente Logistikkonzepte zu entwickeln, digitale Kundenservices einzurichten oder intelligente humanoide Service-Roboter sinnvoll einzusetzen.

Am Ende des Projektes steht eine Softwareplattform, mithilfe derer jeder interessierte Händler eine virtuelle Replikation seines Geschäfts entwickeln und über Standardschnittstellen Parameter zur Prozessoptimierung einfließen lassen kann. „Dazu wollen wir mit Partnern ein Ökosystem aufbauen, das die Unternehmer bei der Nutzung der Softwareplattform unterstützt“, erklärt Wulfes. Offen ist, bis wann mit dem Roll-out auf breiter Fläche zu rechnen sein kann. Das Forschungsprojekt ist zunächst auf drei Jahre befristet und endet 2022.

„ An Ideen mangelt es nicht“

Andreas Wulfes, Projektkoordinator Knowledge4Retail beim IT-Dienst­leister Team Neusta, über KI-Lösungen für den Mittelstand und dessen Digitalisierungspotenzial

 

Das Projekt K4R arbeitet an einer offenen Plattform für den Handel. Welche Anwendungen dürfen Unternehmer erwarten?

Die Plattform ist darauf angelegt, automatisiert die Prozesse im Handel zu verbessern. Wir entwickeln eine Software, mit der sich eine Vielzahl von Erkenntnissen für die Logistik, das filial- und geschäftsindividuelle Category Management, fürs Marketing, den Filialaufbau bis hin zur Personaleinsatzplanung gewinnen lässt. Perspektivisch soll auch der Einsatz von Servicerobotik im Filialumfeld auf Basis unserer Plattform bald Realität werden.

An Ideen mangelt es nicht. Wie könnte eine solche Beratung per Serviceroboter aussehen?

Ziel ist es, dass die Maschinen in Interaktion mit dem Menschen treten, Anweisungen befolgen und Tätigkeiten gemeinsam mit den menschlichen Kollegen ausführen. Beispielsweise könnten sie Kunden zeigen, wo sich welche Produkte befinden, oder über Produkteigenschaften informieren – etwa bei bestehenden Allergien gegen einzelne Inhaltsstoffe. Für den Händler selbst kann es interessant sein, wenn der Roboter erkennt, wo Produkte fehlen.

Bisher kommen Robotiklösungen in erster Linie in Großbetrieben zum Einsatz. Wird sich das ändern?

Das lässt sich nicht genau prognostizieren. Wir sehen allerdings einen klaren Trend hin zu flexibleren und kostengünstigeren Robotiklösungen. Diese können einen Einsatz abseits klar strukturierter Produktionsstraßen wirtschaftlich attraktiv machen. Allerdings birgt der Mittelstand in Sachen Digitalisierung noch großes Entwicklungspotenzial, gerade auch bei grundlegenden Fragen als Basis für Automatisierungsthemen. Mittelfristig gehen wir davon aus, dass die wirtschaftlichen Vorteile das Interesse aufseiten der Händler wecken werden.

Schlagworte: Künstliche Intelligenz, stationärer Handel

Kommentare

Ihr Kommentar