Freitag, 18. Mai 2012
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Energie

Oh, Sonne!

Strategisches Energiemanagement ist für Handelsunternehmen nichts Neues. Die Pilotmärkte gehen mittlerweile in Serie.
Text: Tobias von Heymann, 05. August 2011
Die Energiewende in Deutschland ist in vollem Gang: Die Zukunft wird dabei langfristig vor allem dezentralen Stromerzeugern sowie flexiblen und intelligenten Energienetzen gehören. Der Handel wird künftig eine noch viel stärkere Rolle beim Ausbau des neuen Energiesystems spielen als bislang und bringt dabei schon jetzt eigene Expertise ein. Dabei sind Aktivitäten für den Klimaschutz weitgehend freiwillig: Trotz zahlreicher Umweltverordnungen gelten Gesetzesvorgaben speziell für Handelsunternehmen zur Reduktion von Kohlendioxid zumindest bislang nicht. Gerade die großen Handelsunternehmen setzen dennoch zum Teil schon seit Jahren auf eigene Konzepte beim Energiemanagement — bisweilen, bevor die aktuelle Diskussion darüber so richtig begann.

Alle Konzepte haben gemeinsam, dass sie verschiedene Technologien zu einem Gesamtpaket verbinden. Vor allem sollen diese Modelle Energiekosten und -verbrauch senken, gleichzeitig aber auch für nachhaltigen Umweltschutz sorgen. Die aktuelle Bestandsaufnahme zeigt nicht nur, dass beides erfolgreich zusammengehen kann. Sie zeigt auch, dass sich erfolgreiche Einzelexperimente als neue Standards im Handelsalltag mehr und mehr durchsetzen. So testet das Projekt „eTelligence“ in Cuxhaven als einer von sechs Feldversuchen in ausgesuchten Modellregionen, wie sich zum Beispiel Windkraft als ungleichmäßig fließende Energiequelle mittels moderner Informations- und Kommunikationstechnologie versorgungssicher in den Strommarkt einspeisen und wirtschaftlich optimal nutzen lässt. „Herzstück ist dabei ein virtuelles Kraftwerk, das unter anderem einen Windpark mit verschiedenen regionalen Nutzern sowie Privathaushalten verbindet und intelligent je nach Stromproduktion ste uert“, sagt Volker Diebels, Sprecher der EWE Energie AG, des regionalen Energieversorgers und Partners von „eTelligence“.

Präzise Wettervorhersagen erleichtern dabei vorausschauendes Planen. „Genaue Messdaten über den Verbrauch der einzelnen Beteiligten erhöhen zusätzlich die Transparenz beim Stromverbrauch. Allein dadurch lassen sich etwa 10 Prozent Energie sparen.“ Eine besondere Aufgabe fällt in dem Versuch dabei dem Cuxhavener Kühlhaus der Gooss GmbH zu. Auf 150.000 m3 lagern hier Fisch und Fleisch, aber auch Gemüse und Obst. „Diese Waren müssen durchgehend in einem bestimmten Temperaturbereich tiefgekühlt werden“, sagt Geschäftsführer Axel Stahlbuck. Damit das auch mit dem neuen Technologie-System sicher ist, steuert dort jetzt ein kleiner Kasten den Verbrauch — er ist kaum größer als ein Internet-Router. „Das Kühlhaus wirkt dabei wie ein Akku. Wenn zum Beispiel gerade viel Windstrom fließt, lassen wir die Aggregate das Lager auf etwa minus 26 Grad abkühlen. Die Reserve dieses Kältepuffers hält mehrere Tage. Bei Flauten kann die Temperatur des Hauses ohne Probleme wieder bis a uf etwa minus 21 Grad ansteigen“, sagt Stahlbuck. So lassen sich schwankende Stromflüsse über die Verbrauchsseite effizient nutzen. Zur Sicherheit ist der Bau aber auch weiterhin an das konventionelle Stromnetz angeschlossen. Wie schnell dieses Beispiel Schule machte, zeigt ein Kühlhaus-Neubau im benachbarten Nortmoor. Dort hat die Unternehmensgruppe Bünting mit der EWE als Partner ebenfalls ein energieeffizientes Tiefkühllager in Betrieb genommen. Dieser Großbau verbraucht nicht nur Energie, er liefert auch welche: Die beim Kühlen entstehende Abwärme nutzt Bünting zum Heizen eines Logistikzentrums.

Mittelfristig verspricht sich Axel Stahlbuck für die Gooss GmbH von der Teilnahme an „eTelligence“ einen niedrigeren Energieverbrauch — und sinkende Kosten: Von einer deutlichen Zunahme attraktiver und vor allem variabler Strom-Tarifverträge geht auch Dirk Engelmann, Geschäftsführer von Inekon aus. Das Unternehmen ist Partner mehrerer süddeutscher Handelsverbände und berät Firmen zu den komplexen Fragen rund ums Energiemanagement. Denn oft verfügen vor allem kleinere Unternehmen über keine eigene Abteilung, die sich mit den neuen Möglichkeiten befasst. „Dafür untersuchen wir zunächst vor Ort, wo die Hauptenergieverbraucher sitzen und messen diese dann einzeln aus“, sagt Engelmann. „Typischerweise sind dies im Handel neben Kühlmöbeln meist Licht- und Heizanlagen. Dann prüfen wir, wo die Sparpotenziale liegen.“ Dabei gehen betriebswirtschaftliche Fragen nach Investitionen mit technischen Lösungsvorschlägen Hand in Hand. „Gerade kleine und mittlere Unternehmen kön nen sich für unsere Beratung von der Kreditanstalt für Wiederaufbau fördern lassen“, sagt Engelmann.

Zu den großen Handelskonzernen mit eigenem Energiemanagement gehört Rewe. Bereits seit Ende 2009 betreibt die Gruppe nach den Kriterien des „Green-Building“-Konzepts für nachhaltiges Energiemanagement in Berlin-Rudow einen kompletten Markt-Neubau. Was noch vor wenigen Jahren wie die Vision für einen Supermarkt der Zukunft geklungen hätte, ist dort bereits erfolgreich in der Gegenwart angekommen. Nur etwa die Hälfte der Energie eines Standard-Supermarktes werden hier noch verbraucht. Zudem ist der Markt weitgehend aus nachwachsenden Materialien erbaut und CO2-neutral konzipiert, belastet die Umwelt also nicht mit klimaschädlichem Kohlendioxid. Ein weiterer Modellmarkt von Rewe steht in Mainz. „Anders als in Berlin handelt es sich in Mainz um einen ‚konventionellen Bau’, in den zahlreiche Nachhaltigkeitsaspekte integriert wurden“, sagt Rewe-Sprecher Thomas Bonrath. „Damit wollen wir Erkenntnisse für die vielen Bestandsbauten gewinnen.“ So seien die aktuellen Green-Building-Märkte nicht als direkte Blaupause für andere Standorte gedacht. „Rewe-Märkte müssen deutlich individuellere Anforderungen erfüllen als die stark standardisierten Discounter-Immobilien. Bislang hat die Handelsgruppe ihr Beleuchtungskonzept bereits in 200 Märkten installiert, bis Ende 2011 steigt die Zahl voraussichtlich auf über 300. Ähnliches gilt für das Kälte-, Klimatisierungs- und Heizungskonzept: „Bis Ende 2011 könnte es in über 30 Märkten umgesetzt sein“, sagt Bonrath. Auch die Zahl von Märkten, die beispielsweise mit voll verglasten „Mopro-Wandkühlregalen“ ausgestattet sind, wird bis Jahresende von 120 auf etwa 250 steigen. Diese sorgen dafür, dass nicht zu viel Kälte in die Raumluft abgegeben wird.

Auf nachhaltige Gebäudetechnik mit energieeffizientem Wärme-Kälte-Verbundsystem setzt Lidl. „Die neuen Filialen werden dabei komplett durch das Nutzen der Abwärme aus dem Kälteerzeugungsprozess beheizt“, sagt Lidl-Sprecher Stephan Krückel. Fossile Brennstoffe würden deshalb dafür nicht mehr benötigt. Ferner haben die modernen Märkte eine Fußbodenheizung, gewinnen Wärme aus der Lüftungsanlage zurück und setzen auf neue Lichttechnik. „Dieses klimafreundliche Technikkonzept der neuen Filialgeneration ist mittlerweile dank einer vorherigen ausführlichen Testphase in das Stadium der Serienreife übergegangen“, sagt Krückel. Bis Mitte Juli hat das Unternehmen der Schwarz-Gruppe bereits 64 Filialen der neuen Generation fertig gestellt. Gegenüber herkömmlichen Filialen spart Lidl damit umgerechnet den jährlichen Strombedarf von rund 260 Einfamilienhäusern und den CO2-Ausstoß von 1920 Pkw.

Auch die Metro Group hat sich selbst zum Ziel gesetzt, den Kohlendioxid-Ausstoß weiter zu verringern. „Bis zum Jahr 2015 wollen wir die CO2-Emissionen pro qm Verkaufsfläche im Vergleich zu 2006 um 15 Prozent senken“, sagt Olaf Schulze, Geschäftsführer der Metro Group Energy Production & Management (MEM). „Mit über 2.100 Standorten weltweit stellt Energiemanagement für unseren Handelskonzern einen enormen Kostenhebel dar und ist gleichzeitig eine der wichtigsten Stellschrauben unseres eigenen Nachhaltigkeitsmanagements.“ Daher betreibt die Metro Group über den Globus verteilt zahlreiche Pilotprojekte, um erneuerbare Energien zu erproben. „Für jeden Standort wird dabei einzeln geprüft, welche Technologien sinnvoll sind“, sagt Schulze. Zuständig ist die MEM auch für den Stromeinkauf der einzelnen Vertriebslinien der Metro Group. Dabei beschafft das Energiemanagement die Strommengen über zwei verschiedene Strategien: Vollversorgung oder Portf oliomanagement. „Bei der Vollversorgung wird der Strom beim Energielieferanten eingekauft, der auch die Bilanzkreisführung und das Netzmanagement organisiert. Beim Portfoliomanagement organisiert die MEM diese Leistungen in Eigenregie. Das bedeutet, sie erstellt täglich Lastprognosen und handelt tagesaktuell am Spotmarkt“, sagt Schulze. Generell kaufe die MEM den Strom langfristig ein, das heißt mindestens ein Jahr im Voraus. Dies geschehe am Terminmarkt zu Börsenkonditionen sowie außerhalb der Börse. Hier werden so genannte „Forwards“ gehandelt, die den Preis für eine Lieferung in der Zukunft festlegen. Um günstige Zeitpunkte für den Einkauf evaluieren zu können, beobachtet die MEM die Energiemärkte täglich und entwickelt vor jeder Beschaffungsperiode eine sorgfältige Risiko- und Beschaffungsstrategie. „Lieferanten wählt die MEM vor allem nach ihrer Leistungsstärke aus. Denn nicht alle Lieferanten sind in der Lage, den Strombedarf der Metro Group an der Vielzahl der Standorte zu bed ienen“, sagt Schulze. „Die Strommengen kommen grundsätzlich von mehreren Handelspartnern.“ Neben dem so genannten EEG-Strom nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz hat die MEM 2011 zusätzlich etwa 13 Prozent als Grünstrom eingekauft. So liefert der Strom- und Gasversorger Lichtblick der Metro Group bis Ende 2012 dreißig Gigawattstunden Strom, womit die Handelsgruppe einen Teil ihres Gesamtbedarfs abdeckt.

Mit über 600.000 meist privaten Kunden ist Lichtblick der größte von den Energiekonzernen unabhängige Energielieferant. Er bietet ausschließlich Strom aus regenerativen Energiequellen wie Wasser, Biomasse, Sonnen- und Windenergie — und stellt sich damit dem Wettbewerb. „Große Kunden schreiben ihren Mengenbedarf und die Kriterien in der Regel öffentlich und ohne Preisvorgaben aus. Stromanbieter wie wir können dann dafür ihr Angebot abgeben und sich um den Auftrag bewerben“, sagt Ralph Kampwirth, Sprecher von Lichtblick. Speziell für Gewerbekunden hat das Unternehmen eigene Tarife im Angebot. „Angesichts immer höherer Energiepreise und des zunehmenden Kostendrucks können wir ein wachsendes Interesse an Energiemanagement verzeichnen“, sagt Volker Hoffmann von der Unternehmensberatung Handel, die unter anderem mit dem Handelsverband Württemberg kooperiert. „Natürlich müssen sich Investitionen betriebswirtschaftlich rechnen. Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung.“ Umweltschutz sei a ngesichts sensibilisierter Kunden ein gutes Marketing-Argument. Denn immer mehr Kunden wollen wissen, wie umweltfreundlich das Geschäft ist, in dem sie einkaufen. n

 www.einzelhandel.de/csr

Neue Kältemittel



Kühlmöbel in Supermärkten müssen heute viele Kriterien erfüllen: Sie sollen leicht zu bedienen sein, Aufmerksamkeit beim Kunden wecken und dabei sparsam und umweltfreundlich sein. Bei der Entwicklung der Geräte arbeiten deshalb Hersteller und Handel eng zusammen; beispielsweise der österreichische Kühlanlagenhersteller Hauser mit der Handelskette Spar in dem Projekt „Spar Klimaschutz Supermärkte“. So ging im Klimaschutz-Supermarkt von Spar in Murau Ende 2010 erstmals eine CO2-Hybridanlage in Betrieb, die das neu entwickelte Kältemittel XP10 für den Normalkreislauf mit Kohlendioxid als natürlichem Kältemittel für die Tiefkühlung verbindet. „Damit lassen sich gegenüber dem derzeitigen Kältemittel-Industriestandard R404A die direkten Treibhausgasemissionen um mehr als 80 Prozent reduzieren“, sagt Andreas Schauer, Leiter des Bereichs Technik und Energie bei Hauser.

Gatekeeper



Die Maßnahmen des Handels zum Klimaschutz zeigen deutlich Wirkung: Zwischen 1996 und 2008 konnte der Einzelhandel den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid um rund 40 Prozent senken. Verursachte dieser Wirtschaftszweig Mitte der 1990er-Jahre noch CO2-Emmissionen von 15,5 Mio. t, so lag der Wert 2008 bei knapp 9,5 Mio. t. Das geht aus einer Analyse des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor, die sich auf Daten des Statistischen Bundesamtes stützt. „Der Handel gehört aufgrund zahlreicher nationaler und europäischer Umweltgesetze zu den stark regulierten Wirtschaftssektoren. Umso erstaunlicher ist daher, dass Handelsunternehmen häufig eine Umweltschutzpolitik verfolgen, die noch über die regulatorischen Anforderungen hinausgeht“, sagt Mahammad Mahammadzadeh, einer der Autoren. Als Gründe für den verringerten Kohlendioxid-Ausstoß nennt das IW zum einen Investitionen in energieeffiziente Kühl- und Heizungsanlagen, Strom sparende Beleuchtungssysteme sowie eine Optimierung der Logistiksysteme. So seien Lkw-Flotten dank moderner EDV-Systeme heute bis zu 90 Prozent ausgelastet. Das spare laut Handelsverband Deutschland (HDE) zum Beispiel im Versandhandel rund 3 Mio. Lieferfahrten. Darüber hinaus wirken die Handelsunternehmen auch als ‚Gatekeeper’, indem sie beispielsweise umweltfreundliche Produkte wie sparsame Kühlschränke, Waschmaschinen oder Computer in ihr Sortiment aufnehmen. Zudem sind Produkte immer häufiger umweltfreundlich verpackt — mit recyceltem Material oder Mehrweg-Lösungen.





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