Freitag, 18. Mai 2012
Bildquelle: GS1 Germany
Mobiles Bezahlen

Adieu, Kleingeld

Das Handy ersetzt das Portemonnaie. Zukunftsmusik? Nein, die Technologie zur Nahfeldkommunikation macht schnelleren und bequemeren Checkout möglich.
Text: Norbert Lehmann, 22. Juli 2011
Noch vor drei Jahren hätte kaum jemand etwas mit dem Begriff „App“ anfangen können. Heute erobern Smartphones mit ihren nützlichen Applikationen den Handymarkt im Sturm. Ähnlich revolutionär könnten die multitalentierten Mobiltelefone in den nächsten drei bis fünf Jahren den Bezahlvorgang im Einzelhandel verändern. Nahfeldkommunikation (Near Field Communication: NFC) heißt das Stichwort. Diese Technik ermöglicht die berührungslose Übertragung von Daten über kurze Abstände. Einige Anbieter von Kredit- und Geldkarten statten ihr Plastikgeld bereits mit NFC-Chips aus, wie etwa Mastercard mit dem Paypass-System. Die Sparkassen beginnen in diesem Sommer, EC-Karten mit NFC-Chips schrittweise einzuführen. Bisher akzeptieren nur wenige Unternehmen wie die Restaurantkette Vapiano oder der Tankstellenbetreiber Star an ausgewählten Standorten die kontaktfreie Bezahlung mit der Karte. Mit Edeka wird im Handel aber ein neuer bedeutender Partner hinzukommen. Die NFC-Technik in Smartphones zu integrieren, wird für den Handel jedoch die wesentlich interessantere Innovation sein als die aufgerüsteten Geldkarten. Eine einzige Handy-App kann kundenseitig nämlich nicht nur den Bezahlvorgang abwickeln, sondern gleichzeitig Coupons und Bonussysteme verwalten. Noch sind die dafür notwendigen nahfunkfähigen Smartphones in Deutschland zwar eine Seltenheit. Im Laufe dieses Jahres werden jedoch alle führenden Handyhersteller die ersten Geräte auf den Markt bringen oder haben das gerade getan. Der Internetkonzern Google stattet sein Handy-Betriebssystem Android mit einem mobilen „Wallet“ aus. An der Einführung in den USA haben sich im Frühjahr unter anderem Macy’s, American Eagle und Subway sowie Mastercard und Citibank beteiligt. Noch ist das Pilotprojekt auf Nutzer des Smartphones Nexus S von Samsung in New York und San Francisco begrenzt. Es dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein, bis sich das mobile Bezahlen mit dem Handy im stationären Handel als weite re Möglichkeit des unbaren Zahlungsverkehrs etabliert. Das Marktforschungsunternehmen Yankee Group prognostiziert, bis 2014 werde das weltweit mobile beglichene Abrechnungsvolumen mehr als 690 Mrd. Euro erreichen. 2010 waren es rund 113 Mrd. Euro.

Zunächst werden Verbraucher das Verfahren vor allem zum Begleichen kleinerer Geldbeträge einsetzen, ehe dann in einigen Jahren auch ein Fernseher oder eine Waschmaschine über das Mobiltelefon bezahlt werden. Das Misstrauen der Verbraucher muss aber erst einmal überwunden werden. Das Bezahlen mit dem Handy sehen sechs von zehn Deutschen skeptisch. Vor Datenmissbrauch bei dieser Technik fürchten sich sogar 70 Prozent der Deutschen. Das hat eine repräsentative Umfrage der Kommunikationsberatung Faktenkontor und des Marktforschers Toluna im Frühjahr 2011 ergeben. Mehr als die Hälfte aller befragten Bankkunden gab an, sicherheitshalber auf die neue Bezahlmöglichkeit verzichten zu wollen. Selbst unter den Befürwortern der Technik wollen 45 Prozent maximal Beträge bis 100 Euro über das Handy glattstellen. Das deckt sich in etwa mit den Ergebnissen einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbandes Bitkom. Danach können sich nur 43 Prozent der Handybesitzer vorstellen, mit dem Gerät auch zu be zahlen, mit anderen Worten, mehr als die Hälfte will das lieber nicht.

Vor einer flächendeckenden Markteinführung müssen zudem technische Standards etabliert werden, die eine möglichst breite Anwendungsbasis legen. Nur dann macht das Verfahren für den Einzelhandel Sinn. GS1 Germany hat darum den Beirat „Advisory Board MobileCom“ eingerichtet. Das Gremium aus führenden Vertretern aus Handel und Industrie steuert die Entwicklung marktfähiger Lösungen. Die Arbeitsgruppe „Mobile Payment“ vereint die Wertschöpfungskette des mobilen Bezahlens: Handyhersteller, Mobilfunkbetreiber, Internet- und Zahlungsverkehrsdienstleister bis zu Handel und Industrie.

Die neutrale Gesprächsplattform will eine Handlungsempfehlung für den Aufbau händlerübergreifender NFC-basierter Zahlungsprozesse ausarbeiten. Im zweiten Quartal 2012 soll die Handlungsempfehlung vorliegen. „Der Leitfaden wird auf den Erfahrungen eines praktischen Pilotprojektes basieren“, erläutert Ercan Kilic, GS1-Projektleiter MobileCom. Die Einzelheiten des Praxisversuches deckt Ercan Kilic jetzt noch nicht auf. Sie werden aber auf dem 12. ECR-Tag in Berlin vorgestellt. Fest steht, das Pilotvorhaben wird in begrenztem Umfang in ausgesuchten stationären Geschäften des Einzelhandels stattfinden, nicht im abgeschotteten „Versuchslabor“. Ziel der Arbeitsgruppe ist ein Best-Practice-Modell.

Der Reiz der NFC-Handys liegt für den Handel in der Kombination des Bezahlvorganges mit handelstypischen Dienstleistungen wie dem Couponing und Kundenkarten. Smartphones mit NFC-Anwendungen eröffnen die Möglichkeit, dem Kunden während des Bezahlvorgangs sofort individualisierte und sogar standortabhängige Rabatte oder Zusatzleistungen in sein „Mobile Wallet“ heraufzuladen. Eine Applikation verwaltet die Coupons und schlägt je nach Konsummuster die Einlösung der Gutscheine vor.

Führende Mobilfunkanbieter arbeiten in Deutschland mit Hochdruck an der Entwicklung von „Mobile Wallets“. Dennoch musste die Deutsche Telekom die für 2011 geplante Markteinführung in Deutschland auf Anfang 2012 verschieben. Nach Darstellung einer Sprecherin verzögert die Suche nach internationalen Standards den Launch. Insellösungen sollen den Kunden nicht zugemutet werden. Sie würden nach Einschätzung von Thomas Kiessling, Produkt- und Innovationsmanager der Deutschen Telekom, nicht akzeptiert. In Polen schreitet der Magenta-Riese dennoch weiter voran. Dort startet die Telekom ihr Mobile Wallet in diesem Jahr. An der Kooperation nehmen 17 Banken, Visa- und Mastercard sowie der Ticketservice Estis teil. Auch Bonussysteme von Einzelhändlern sollen darin ihren Platz finden. In den USA erfolgt die Markteinführung in Zusammenarbeit mit AT&T und Verizon. „Mobile Bezahlsysteme sind ein großer Zukunftsmarkt“, ist Thomas Kiessling sicher. Auch der mpas s soll künftig nahfunkfähig werden. Das Bezahlsystem wurde von einem Konsortium aus T-Mobile, O2 und Vodafone für den Onlinehandel eingeführt. Ein weiterer Vorteil des kontaktlosen Bezahlens mit Nahfunktechnik liegt für den Handel im schnelleren Checkout. Der Bezahlvorgang wird vereinfacht und beschleunigt, so dass die Durchlauffrequenz an der Kasse steigt. Ein zusätzlicher Nutzen ergibt sich durch die Verringerung des Bargeldbestandes. Rund 60 Prozent aller Bezahlvorgänge wurden 2009 im deutschen Einzelhandel noch bar abgewickelt. Das hat das EHI Retail Institute ermittelt. Die dadurch notwendige Bargeldlogistik verursacht hohe Kosten. Zudem besteht das Risiko der Annahme von Falschgeld. Auch hier verspricht Mobile Payment dem Handel Entlastung. Die Identität und Kreditwürdigkeit des Kunden sind durch die vertragliche Bindung an den Mobilfunkanbieter beziehungsweise die direkte Kontoanbindung verhältnismäßig zuverlässig sichergestellt.

In Japan und Korea wird die Nahfeldkommunikation im Einzelhandel bereits in erheblichem Umfang eingesetzt. Die technikaffinen Japaner haben keine Scheu, U-Bahntickets mit dem Handy im Vorübergehen zu bezahlen. In der Türkei hat der dominierende Mobilfunkbetreiber Turkcell mit verschiedenen Partnern mehrere NFC-basierte Bezahldienste etabliert. Durch eine Kooperation mit Mastercard und der Yapi Kredi Bank können Turkcell-Kunden an über 40.000 Akzeptanzstellen, die den Paypass lesen können, Kleinbeträge bis umgerechnet 15 Euro begleichen. Wer noch kein nahfunktüchtiges Smartphone besitzt, kann sein Handy mit einer NFC-Komponente nachrüsten. Auch in den Niederlanden und Großbritannien drängt das berührungslose Bezahlen mit dem Smartphone in den Markt. In Großbritannien haben die vier führenden Mobilfunkbetreiber ein Joint Venture gegründet. Bis zum Jahresende wollen sie gemeinsam eine einheitliche technische Plattform schaffen. Nach Angaben von TNS Technology verdoppelte s ich der Anteil der Mobile-Wallet-Nutzer auf der Insel im vergangenen Jahr auf 10 Prozent der Verbraucher.

Angesichts der rasanten technischen Entwicklung widmet sich in Deutschland die Arbeitsgruppe „Mobile Payment“ von GS1 Germany der Aufgabe, rechtzeitig die technischen Standards für eine möglichst einfache, sichere und für den Kunden komfortable Nutzung der NFC-Technik zu legen. Zu beantworten sind unter anderem Fragen wie jene, ob zur Bestätigung der Bezahlung eine PIN abgefragt werden sollte und wo diese gegebenenfalls einzugeben ist, auf dem Smartphone oder einem Terminal am Kassensystem. Der Umfang der zu übermittelnden Daten ist ebenso zu klären wie die Übernahme der Kosten für NFC-Lesegeräte.

Glossar



Extended Packaging: Der Konsument will zuverlässige Daten (Trusted Data). Auf Basis des Barcodes erarbeitet GS1 Germany sichere Standards für die elektronische Erweiterung der Produktverpackung, wo Verbraucher künftig Zusatzinformationen abrufen können.

Mobile Couponing: Via E-Mail, SMS oder Internet-Download können die Unternehmen den Konsumenten Coupons zur Verfügung stellen, die digital an der Kasse eingelöst werden. Die GS1-Arbeitsgruppe Mobile Couponing entwickelt dazu unternehmensübergreifende Lösungen.

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