Freitag, 18. Mai 2012
Bildquelle: Sainsbury's Amazon
E-Commerce

Radieschen von Amazon

Der Onlinehandel ist ein absolutes Wachstumssegment. Allerdings nicht für alle Branchen des Einzelhandels gleichermaßen.
Text: Nicole Ritter, 16. August 2010
Klar, Amazon. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der weltweit größte Internethändler neben Büchern, CDs und Kärcher-Hochdruckreinigungsmaschinen auch Lebensmittel auf seine Verkaufsplattform stellt. Schließlich ist es das erklärte Ziel, alles, aber auch wirklich alles im Sortiment zu haben. Jetzt also auch Essbares, einschließlich Frischeprodukten. Vom Radieschen bis zum Rinderfilet in Gourmet-Qualität findet der Online-Feinschmecker alles, was der Bauch begehrt. Möglich ist das, wie oft bei Amazon, durch die Kooperation mit einer ganzen Fülle von Partnern. „Unser Ziel ist es, der Ort zu sein, an dem Kunden die größte Auswahl an Lebensmitteln und Getränken zu attraktiven Preisen finden", sagt Christian Bubenheim von Amazon.

Um ein reichhaltiges Angebot zu sichern, kooperiert Amazon mit verschiedenen Anbietern. Neben Lebensmittel24.de, Froodies.de oder Biowelt.de sind das vor allem Spezialisten wie der Gourmet-Lebensmittelversand Genusshandwerker, der Weinhändler Hawesko oder der Glutenfrei-Supermarkt. „Neben Lebensmitteln des täglichen Bedarfs bietet Amazon.de im Shop auch eine Vielfalt von Spezialitäten, die sonst nur schwer zu finden sind", erläutert Christian Bubenheim. Vegan, vegetarisch oder zöliakie-verträglich — wer darauf achtet, dem wird Amazon womöglich das Leben erheblich erleichtern. E-Commerce-Expertin Aline Eckstein vom ECC Handel sieht zwei Kernzielgruppen für Online-Lebensmittler: „Berufstätige oder Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind", meint sie, seien am ehesten daran interessiert, ihren täglichen Bedarf im Internet zu decken. Allerdings nicht zu jedem Preis: „Mit dem Lockmittel, versandkostenfrei zu verschicken, ist Amazon zu schnell vorgeprescht", urteilt Aline Eckstein. Denn hier steckt die Tücke im Detail, jeder angeschlossene Händler hat eigene Versandbedingungen. Da summieren sich die Nebenkosten schnell.

Das Angebot startet dennoch zu einem Zeitpunkt, zu dem E-Commerce-Experten dem Internethandel mit Lebensmitteln wachsende Chancen zuschreiben. In einer aktuellen Nielsen-Umfrage berichteten 13 Prozent der Befragten, sie würden in den kommenden sechs Monaten den Onlinekauf von Lebensmitteln planen, 8 Prozent nannten sogar frische Lebensmittel. Da nimmt es kaum Wunder, dass es auch die Otto Group erneut mit Lebensmitteln versuchen will — nachdem der Versandhandelskonzern in der Frühzeit des Internethandels mit einem ähnlichen Angebot schon einmal baden gegangen ist. Gnadenlos daneben lagen damals, im Jahr 2000, die Experten mit ihrer Einschätzung, 35 Mio. Haushalte würden im Jahr 2010 ihre Lebensmittel über das Internet einkaufen. 10 Prozent Online-Umsatz prognostizierte Unternehmensberater Roland Berger für den Lebensmittelhandel des Jahres 2010 — und hat sich damit arg verrechnet: „Der Online-Umsatzanteil im Lebensmittelhandel liegt derzeit bei etwa 0,5 Prozent.

Aktuell ist dies also nur ein sehr kleines Stück vom großen Umsatzkuchen, der im Lebenmittelmarkt lockt", sagt Olaf Roik, E-Commerce-Experte beim Handelsverband Deutschland (HDE). Das Beispiel des britischen Einzelhändlers Tesco, der 3,6 Mrd. Euro seines Umsatzes online einsammelte, scheint die Hamburger so beeindruckt zu haben, dass sie jetzt nach einem national aufgestellten Lebensmittler suchen, mit dem der Wiedereinstieg gelingen soll. „Wir machen es nur, wenn wir einen leistungsstarken Händler finden, der in Deutschland mehrere tausend Läden hat, über die die Kunden dann beliefert werden", erklärte der Otto-Vorstandsvorsitzende Hans-Otto Schrader im FAZ-Interview. Die deutschen Lebensmittler halten sich auf dem Gebiet ansonsten bislang schwer zurück: Kein Onlineshop ist so weit ausgereift, dass man den kompletten täglichen Einkauf dort erledigen könnte.

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