Montag, 21. April 2014
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Interview

„Kapital fürs Unternehmen“

Der Handel ist eine faszinierende Branche — trotz des manchmal schlechten Images. Doch daran kann man arbeiten, meinen zwei leidenschaftliche Vertreterinnen.
Text: Andrea Kurtz, Nicole Ritter, 05. Dezember 2011
Die eine blickt auf 25 Jahre Erfahrung als Einzelhändlerin zurück, die andere ist noch keine 25 Jahre alt: Karin Genrich, Modehändlerin aus Potsdam und Präsidentin des Handelsverbands Berlin-Brandenburg (HBB), und Kathrin Klein, Auszubildende bei Bauhaus in Regensburg und „Gesicht des Handels“, trafen sich am Rande des diesjährigen Deutschen Handelskongresses zum Gespräch mit der handelsjournal-Redaktion. Sie waren einander spontan sympathisch und sprachen über Themen, die nicht nur Politiker und Handelsmanager großer Konzerne, sondern auch die Filialistin aus Brandenburg und die Auszubildende aus Bayern bewegen: Arbeitsbedingungen der Branche, Zukunftsperspektiven und die Beschäftigungs- und Ausbildungssituation.

Frau Genrich, Sie blicken auf ein bewegtes Unternehmerinnen-Leben zurück. Was waren für Sie Highlights?

Karin Genrich: Für mich gab es immer wieder große Glücksmomente, zum Beispiel Ehrungen, die ich erfahren habe. Im Jahr 2000 wurde ich als Europäische Unternehmerin ausgezeichnet — mit 19 anderen Unternehmerinnen, aus jedem EU-Land war eine. Ich saß neben Elisabeth Gürtler-Mauthner, die das Hotel Sacher in Wien leitet — das war für mich erlebtes Europa. Auch, dass ich im vergangenen Jahr am 9. November, an diesem geschichtsträchtigen Datum, unweit der Glienicker Brücke als Präsidentin des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg wiedergewählt wurde, einstimmig und in geheimer Wahl, das war für mich etwas ganz Besonderes. Diese Erfahrung möchte ich Ihnen gern mit auf den Weg geben, Frau Klein: Neben allen beruflichen Erfolgen etwas für die Gemeinschaft zu tun. Denn man kann nur gestalten, indem man sich beteiligt und einbringt in die Gesellschaft.

Frau Klein, Sie haben Ihre Lehre im Handel begonnen, aber die Branche gewechselt. Wie kam das?

Kathrin Klein: Ja, ich habe die Kauffrau im Einzelhandel in einem Schuhgeschäft begonnen, bin aber jetzt bei Bauhaus.

Schuhe sind doch eigentlich eher eine Frauendomäne ...

Klein: Ja, die Zeit war auch nicht förderlich für meinen Geldbeutel.

Und was hat Sie zum Wechseln bewogen?

Klein: Ich arbeitete in einem kleinen Familienunternehmen, doch nachdem ich das Grundwissen hatte, hatte ich das Gefühl, dass ich nicht mehr viel dazulernen kann. Ich habe dort zwar sehr viel über den Umgang mit Kunden gelernt, aber vom Fachwissen her war mir dies nicht genug. Deshalb wollte ich etwas ganz anderes machen. Bei Bauhaus zu arbeiten, hätte ich mir zwar vorher gar nicht vorstellen können, aber es macht mir richtig Spaß. In dieser Organisation kann ich umfassenderes Wissen erwerben, vor allem zu den unterschiedlichen Sortimenten.

Genrich: Ich finde es auch sehr wichtig, ganzheitlich zu denken und sich breites Wissen zu verschaffen. Nach dem Abitur habe ich Dekorateurin gelernt — im Osten hieß das „Gebrauchswerber“. Diese drei Jahre haben mir Rüstzeug für mein ganzes Leben mitgegeben: Ich weiß zum Beispiel genau, wie tapeziert wird. Später habe ich drei Jahre angewandte Kunst studiert — dabei habe ich viel über Farben gelernt. Dies ist überhaupt das größte Vermögen, das ich aus dem Osten herübergerettet habe: die vielseitige Ausbildung.

Frau Klein, konnten Sie von Ihrer ersten Ausbildung etwas „retten“ und ins Bauhaus mitnehmen?

Klein: Von den neun Monaten wurden drei angerechnet; damit kann ich hinterher wirklich als tip-top ausgebildete Fachkraft gelten. Ich bin bald im zweiten Lehrjahr, habe diverse Schulungen mitgemacht und eine Menge Wissen angehäuft. Und dann gibt es ja noch die Möglichkeit, das dritte Lehrjahr zu verkürzen.

Wollen Sie im Verkauf bleiben, oder würde Sie eine Management-Karriere im Konzern reizen?

Klein: Ich kann mir beides vorstellen. Das Unternehmen fördert uns Auszubildende sehr, alle Möglichkeiten werden genau erklärt, und ich finde das alles sehr interessant. Aber Lernen geht natürlich nur nach und nach.

Der jährliche Handelskongress ist das Ereignis, bei dem sich die Branche trifft, auch mit der großen Politik und anderen wichtigen Wirtschaftsvertretern. Sind Sie stolz, dazuzugehören?

Klein: Auf jeden Fall. Ich bin der Meinung, die Wirtschaftskraft des Handels wird viel zu wenig gewürdigt. Wir sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, und es ist für mich sehr spannend, das live zu sehen und zu hören, zum Beispiel vom Wirtschaftsminister oder der Bundeskanzlerin.

Genrich: Das Wort Stolz wird in Deutschland so wenig gebraucht, weil es so missbraucht wurde. Aber ich finde, der Stolz auf den Beruf, der Stolz, dazu zu gehören zu einem der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren im Land, das ist wichtig. Es gibt viel zu viele Menschen, die ihren Beruf verleugnen.

Klein: Wenn man das tut, dann hat man das Falsche gewählt. Man muss schon sagen können: Da arbeite ich und das macht mir Spaß.

Ihre Faszination für den Handel ist also ungebrochen?

Klein: Für mich war relativ früh klar, dass ich in den Handel gehen will; ich habe schon meine Schulpraktika in Handelsunternehmen gemacht.

Genrich: Ungebrochen, ganz ohne Zögern. Ich habe in diesem Jahr ein Geschäft aufgegeben und ein neues eröffnet, ganz alleine, ohne Innenarchitekten oder so. Und ich gehe jeden Tag in mein Geschäft und freue mich, dass ich das nochmal gewagt habe. Man kann nur leuchten, wenn man innerlich brennt.

Wollten Sie schon immer Mode verkaufen, oder haben Sie auch mal über eine andere Branche nachgedacht?

Genrich: Nachdem ich alle anderen Berufswege, Abschlüsse, Studium oder Promotion im Osten aufgegeben hatte, war für mich klar, dass ich bei der Mode bleiben würde, auch wenn das nicht die leichteste Branche ist. Gerade im Moment steht Kleidung ja nicht an erster Stelle bei den Konsumausgaben. Und was der Handel im Moment falsch macht, sind diese Rabattschlachten, die kein Kunde mehr versteht. Die letzten Kunden, die noch daran geglaubt haben, man müsse sich etwas Gutes gönnen, und die es sich am ehesten leisten könnten, werden zu Schnäppchenjägern erzogen. Das tut der Modebranche und dem Handel insgesamt nicht gut.

Der Handel steht ja nicht im Ruf besonders rosiger Verdienstaussichten. Hat Sie das nicht abgeschreckt?

Klein: Wenn man in seinem Beruf auf einer Stufe stehen bleibt, dann sind die Gehaltsaussichten nie toll. Wenn man aber aufsteigen will, und die Motivation hat, kann man das auch im Handel. Man muss eben wissen, was einem Spaß macht.

Was kann ich meinen Mitarbeitern zahlen — ist das eine Frage, die Sie bewegt, Frau Genrich?

Genrich: Ich arbeite zum Beispiel mit Prämien. Oder wir machen eine Reise zusammen. Belohnen finde ich natürlich wichtig. Das Gehalt ist das eine, aber einen sicheren und interessanten Arbeitsplatz zu haben, finde ich auch sehr wichtig. Und meine Mitarbeiter sehen das, denke ich, genauso. Sie können bei mir beispielsweise zum Einkaufspreis einkaufen und sich damit mit den Marken kleiden, die ich im Geschäft führe. So müssen sich nicht zu H&M gehen, sondern identifizieren sich mit dem, was sie verkaufen.

Der Handel gilt als Niedriglohnbranche. Wie beurteilen Sie das?

Klein: Wenn die Azubis in altertümlichen Geschäften als billige Arbeitskräfte eingesetzt werden und zudem noch weniger Gehalt bekommen — das finde ich unfair, zumal, wenn sie nicht das breite Wissen vermittelt bekommen.

Ist der viel diskutierte Mindestlohn für Sie ein Thema?

Genrich: Das ist auf jeden Fall ein Thema. Wir zahlen im Handel in jedem kultivierten Unternehmen den Mindestlohn. Und ich finde, in Deutschland muss es möglich sein, dass man von seiner Arbeit, wenn man voll beschäftigt ist, auch leben kann. Es kann nicht sein, dass man zwei oder drei Jobs machen muss, um die Miete zu bezahlen.

Die flexiblen Arbeitszeiten in der Branche werden oft angepriesen, ist das für Sie wichtig?

Klein: Ja, wenn man später Familie hat, ist es gut, dass es viele verschiedene Arbeitsmöglichkeiten und -zeiten gibt, auch in anderen Branchen. Ich habe keine Angst, dass ich die Kinder nicht mehr in den Kindergarten bringen kann, weil ich arbeiten muss.

Genrich: Haben Sie auch schon mal darüber nachgedacht, sich selbstständig zu machen?

Klein: Ja, das finde ich auch sehr interessant, doch jetzt will ich erstmal auslernen. Aber ich stelle mir das toll vor, wenn man sagen kann: Das ist mein Geschäft.

Genrich: Ja, das ist toll. Aber es gleichzeitig auch etwas, bei dem Sie sich auch immer wieder hinten anstellen müssen. In einer Führungsposition dagegen haben Sie jeden Monat ihr Gehalt; als Selbstständige kann es passieren, dass es Monate gibt, in denen für sie selbst nichts übrigbleibt. Das ist Risiko — aber ohne Risiko ist ja nichts im Leben. Ich finde, es ist eine tolle Herausforderung — und Sie sollten sich allen Herausforderungen im Leben stellen.

Haben Sie Auszubildende, Frau Genrich?

Genrich: Ich habe insgesamt 18 junge Leute ausgebildet. Seit zwei Jahren ist die Auswahl der Bewerber so mangelhaft, dass ich mir mal eine Pause gönnen darf. Jetzt gerade aber hat sich bei mir eine junge Frau beworben, die nach dem Abitur zu mir kommen möchte, um die Ausbildung als Sprungbrett zu nutzen. Darüber denke ich nach. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass wir den Kontakt zu den jungen Leuten halten.

Wie beurteilen Sie, Frau Klein, diese Klagen über Ihre Generation?

Klein: Ich finde es traurig, dass damit automatisch alle über einen Kamm geschoren werden. Viele junge Leute kümmern sich vielleicht deshalb nicht um ihre Zukunft, weil dies nicht gefördert wird. Auch nicht in der Schule. Sie sehen nicht, wofür sie gute Noten haben sollen. Das ist sogar nachvollziehbar, wenn die Eltern nicht dahinter stehen. Aber es gibt auch andere, die sich sehr bemühen. Doch die Schule tut zu wenig für die Zukunft.

Genrich: Ich glaube, es gibt viele Schätze, die nicht gehoben werden, weil die Lehrer nicht in der Lage sind, sich darauf einzustellen. Dabei wäre es wichtig, die Talente frühzeitig zu entwickeln.

Frau Genrich, wie gehen Sie mit Teilzeitarbeit um?

Genrich: Das ist ganz wichtig, wir müssen flexibel sein. Wenn ich sage, das geht nicht, verliere ich gute Mitarbeiter. Ich halte nicht so viel von 400-Euro-Kräften. In diesem Bereich habe ich nur eine Mitarbeiterin; sie deckt mit ihren Stunden die Zeiten außerhalb unserer Kernzeiten im Sterncenter ab. Damit entlaste ich meine anderen Mitarbeiter.

Würden Sie bei Bewerbungen darauf achten, wie die Unternehmenskultur in dieser Hinsicht ist?

Klein: Ja, das wäre schon wichtig. Als junge Frau möchte ich schon sicherstellen, dass ich ins Unternehmen zurückkommen kann, wenn ich ein Kind bekomme, und hinterher nicht abgeschrieben bin.

Genrich: Das ist ein Stück Zukunftssicherung. Und ein Kapital fürs Unternehmen, dass man engagierte Mitarbeiter nicht einfach gehen lässt.

Mindestlohn-Debatte



„So sicher wie das Amen in der Kirche“, glaubt Michael Sommer, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), an die Einführung eines allgemeinen Mindestlohnes. Und wahrscheinlich hat der Mann recht, denn inzwischen ist sogar die Bundeskanzlerin samt Partei auf diese Linie eingeschwenkt. Die Tücken liegen allerdings wie so oft im Detail: Während Sommer und die DGB-Gewerkschaften letztlich von einem allgemeinen, einheitlichen, gesetzlichen Mindestlohn träumen, dem alle Branchen unterworfen sind, hat die CDU auf ihrem Bundesparteitag zwar einen Mindestlohn beschlossen, nur was für einen, das scheint noch nicht ganz klar. Die Parteivorsitzende, Bundeskanzlerin Angela Merkel, erklärte es den Teilnehmern des diesjährigen Handelskongresses so: „Untere Lohngrenzen darf nicht die Politik festlegen.“

Schon mal gut aus Sicht der Befürworter der Tarifautonomie. Wer aber dann? „Dort wo es keine Tarifverträge gibt, sollen die Tarifpartner die unteren Lohngrenzen festlegen.“ Auch gut für die Befürworter der Tarifautonomie, doch wer sind die Tarifpartner, dort wo es keine Tarifverträge gibt? Gerade diesen Beschluss halten Experten wie beispielsweise der Ökonom Michael Hüther vom Institut der Deutschen Wirtschaft für problematisch: Er sieht darin einen Eingriff in die negative Koalitionsfreiheit. Arbeitgeber und Arbeitnehmer würden zu einem Abschluss gezwungen. Der Parteitagsbeschluss der CDU nennt eine Kommission, die dann zuständig sein soll, und ist ansonsten so vage, dass er viel Raum für Interpretationen lässt. Die anhaltende Debatte über das Wie eines allgemeinen Mindestlohns zeigt das, und auch das Urteil von Ökonomen über die Vorstellungen der Regierungspartei. So ist der Tenor auch unter denjenigen, die den Mindestlohn eigentlich gänzlich ablehnen, eindeutig: Wenn schon, dann bitte für alle gleich.

Der Handelsverband (HDE) beschreitet in der Frage einer festgelegten Lohnuntergrenze schon seit Jahren einen klaren Weg und strebt in Verhandlungen mit der Gewerkschaft Verdi einen Tarifvertrag über eine festgelegte Lohnuntergrenze an, der dann vom Bundesarbeitsministerium für allgemein verbindlich erklärt werden soll. Dass dieser Antrag gestellt werden kann, sprich: genügend Unternehmen in der Branche ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu den tariflich festgelegten Bedingungen beschäftigen, steht außer Frage: „Wir sind keine Dumpinglohnbranche, auf drei Viertel der Mitarbeiter werden Tarifverträge angewendet“, macht HDE-Präsident Josef Sanktjohanser deutlich. Nachdem sich nun auch die Gewerkschaft Verdi auf eine Grundposition zum Thema Mindestlohn festgelegt hat, hoffen die Tarifexperten des Handelsverbands auf eine baldige Einigung: „Der HDE konnte feststellen, dass die Einführung einer allgemein verbindlichen Lohnuntergrenze auch bei solchen Unt ernehmen auf Zustimmung stößt, die formal zwar nicht tarifgebunden sind, aber Dumpinglohnpraktiken ablehnen“, betont Rainer Marschaus, Vorsitzender des tarifpolitischen Ausschusses beim HDE.


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