Freitag, 18. Mai 2012
 
Ressourcen

Kostbar

Rohstoffe sind knapp, Verschwendung wird zum Luxus, die Wirtschaftskreisläufe werden sich verändern — müssen.
Text: Nicole Ritter, 15. April 2011
Ungewöhnlich, was sich da Ende März auf der Jahrestagung des Deutschen Verpackungsinstituts abspielte: Gastredner Michael Braungart, Chemieprofessor, Ex-Greenpeace-Aktivist und gefeierter Öko-Visionär, servierte den versammelten Verpackungsspezialisten Zuckerbrot: „Sie haben Ihre Sache gut gemacht." Die deutsche Verpackungsindustrie hätte den Anteil kritischer Substanzen in Verpackungen verringert, auf Umverpackungen verzichtet, Recyclingmaterialien eingesetzt. Ökobilanzen errechnet und Nachhaltigkeitsberichte verfasst. Auf diese Weise den Müll reduziert und somit Umweltverschmutzung. Und dennoch holte der Professor auch die Peitsche heraus: „Sie sollten nicht über Nachhaltigkeit reden, sondern über Produktqualität." Jedes Produkt, das am Ende seines Lebenszyklus Müll erzeuge, sei ein falsches Produkt. Ökoverpackungen seien Alibi-Verpackungen, am Ende der Öko-Effizienz angekommen. „Nachhaltigkeit ist rückwärtsgewandtes Schuldmanagement", sagt Braungart. Sein Konzept lautet daher: in Kreisläufen denken. Keinen Müll erzeugen, „From cradle to cradle", von der Wiege zur Wiege produzieren. So, wie es die Natur tut. Mit Effizienz, predigt Braungart, habe das nichts zu tun. Aber sehr viel mit Effektivität.

Zur Zeit allerdings, das muss man dem umwelt-aktiven Professor entgegen halten, kann man schon froh sein, wenn überhaupt ernsthaft darüber nachgedacht wird, wie Ressourcen genutzt und wo sie verschwendet werden. Die Umweltschutzaktivitäten sind zwar vielfältig, greifen aber oft recht kurz. Oder wie Michael Braungart sagen würde: „Wir können versuchen, weniger schädlich zu sein, aber weniger schädlich ist nicht nützlich." Immerhin aber gibt es in den verschiedenen Einzelhandelsbranchen unterschiedliche Ansätze, „weniger schädlich" zu sein und sich mit dem Ressourcenverbrauch über die gesamte Prozesskette hinweg auseinanderzusetzen, und zwar von Seiten der Industrie ebenso wie von Dienstleistern und den Handelsunternehmen selbst. Besonders hoch ist die Sensibilität für den Verbrauch von Ressourcen im Lebensmittelhandel, und das nicht erst, seit der Film „Taste the Waste" die Gemüter der diesjährigen Berlinale-Besucher erhitzte (siehe Kasten).

Was dort als Verschwendung der Lebensmittelkonzerne beschrieben wird, nennt Franz-Martin Rausch, Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband des Lebensmitteleinzelhandels (BVL) „nicht nachvollziehbar". Bruch und Verderb ließen sich im gesamten Lebensmittelhandel im Durchschnitt über alle Sortimente auf etwa 1 bis 2 Prozent vom Nettowarenumsatz beziffern. „Der Handel lebt nicht vom Wegwerfen, sondern vom Verkaufen", sagt Rausch, und ist fest davon überzeugt, dass im Handel selbst sehr wenig weggeworfen wird. „In Europa haben wir eine ausgefeilte Logistik", sagt Rausch, und Produkte, die nicht als Lebensmittel vermarktet würden, könnten alternativen Verwertungen zugeführt werden. Viel problematischer sei es, dass in der dritten Welt ganze Ernten vernichtet würden und dass für die regionale Ernährungssicherung vorhandene Nutzflächen in den Entwicklungsländern als Brachflächen ungenutzt blieben. „Diese Fragen müssen wir diskutieren", sagt Rausch. „Wenn wir bei gleicher Fläche das Welternährungsproblem lösen wollen, müssen wir die Produktivität steigern und die Flächen intelligent bewirtschaften."

Mit Sorge beobachtet Hans Jürgen Matern, oberster Qualitätssicherer der Metro Group und Vorsitzender des Board der Global Food Safety Initiative, die Entwicklung auf den Lebensmittelmärkten. „Bis zum Jahr 2050 wird der Bedarf an Lebensmitteln weltweit um 70 Prozent steigen, wir haben aber heute Verluste von bis zu 50 Prozent auf dem Weg vom Acker auf den Teller", schätzt Matern. Die Produzenten kämpfen mit Klimawandel, Schädlingen, Mängeln in den Liefer- und Kühlketten sowie der lokalen Infrastruktur. Zunehmend stünden die Anbauflächen für Lebensmittel in Konkurrenz zum wachsenden Flächenbedarf für die Produktion von Bioenergie. Eine aktuelle Studie der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) und des Instituts für Handel und Internationales Management an der Universität des Saarlandes (HIMA) belegt eine „trügerische Sicherheit" bei der Versorgung mit Agrarprodukten und beschreibt eine Reihe weiterer Risikofaktoren: neben politischen Risiken in den Anbauländern etwa die Verfügbarkeit von Wasser und von geeigneten Flächen, in der Postproduktionsphase auch von Mengen und Qualität.

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