Freitag, 18. Mai 2012
Bildquelle: Green Showroom
Faire Mode

Wissen und Gewissen

Die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie von Billiglohnländern zu prüfen, ist nach wie vor schwierig. Wer es genau wissen will, macht sich vor Ort selbst ein Bild.
Text: Nicole Ritter, 07. Februar 2012
Vor gut einem Jahr wurden in Bangladesch die Mindestlöhne in der Bekleidungsindustrie verdoppelt — auf 30 Euro im Monat. Christian von Mitzlaff, BSCI-Vertreter in Bangladesch, beobachtet die Lage seitdem sehr genau. „Die blutigen Unruhen sind vorbei“, berichtete er Ende 2011, „doch die Erhöhung der Löhne hat den wenigsten Arbeitern etwas gebracht, denn danach sind sofort auch die Preise für das tägliche Leben gestiegen.“ Deutschland gehört zu den Hauptabnehmern von Textilien aus dem asiatischen Billiglohnland. Große Konzerne wie Metro und Otto Group, Karstadt, Rewe oder auch Modehersteller wie Gerry Weber und Marc O’Polo lassen dort produzieren. Berichte über unerträgliche Arbeitsbedingungen bei asiatischen Zulieferern sind nicht gut für das Image. „Deshalb haben viele eingesehen, dass sie ihre Lieferketten grundlegend ändern müssen“, berichtet von Mitzlaff. „Nach jahrelanger Kritik an den laxen Umwelt- und Sozialstandards haben vor all em deutsche Handelshäuser grundlegende Veränderungen in der Herstellung ihrer Produkte in der Beschaffungspolitik vorgenommen“, erklärt BSCI-Geschäftsführer Jan Eggert. „Sie greifen stärker in die Herstellung der Produkte ein und lassen die Einhaltung der sozialen Standards prüfen.“ Diese Prozesse begleitet die „Business Social Compliance Initiative“ (BSCI) seit Jahren. Die Initiative ist eine Gründung deutscher Einzelhandelsunternehmen, die ihre Mitglieder unter anderem dazu verpflichtet, auf die Einhaltung der internationalen Kernarbeitsnormen in den Zulieferbetrieben zu achten. Dazu gehören unter anderem Mindestlöhne, das Verbot von Kinderarbeit, Versammlungsfreiheit oder die Einhaltung von Menschenrechten. Der größte Teil des europäischen Importvolumens aus Bangladesh wird von Unternehmen realisiert, die BSCI-Mitglied sind. „Für die Zulieferbetriebe ist der BSCI die Brücke nach Europa“, sagt von Mitzlaff, „unsere Forderungen haben also Gewicht.“

Kritikern der BSCI gehen deren Aktivitäten längst noch nicht weit genug. Dass Zweifel an der Durchsetzbarkeit der in einem „Code of Conduct“ festgelegten BSCI-Normen angebracht sind, muss auch die BSCI selbst zugeben — siehe Bangladesch: Die Implementierung und Überprüfung der Standards bleibe ein großes Problem, schreibt auch Christian von Mitzlaff in seinem ersten Jahresbericht. „Allein im Bekleidungssektor gibt es mehr als 4.000 Betriebe, und jeden Tag kommen drei neue hinzu“, beobachtet er. Rund 600 Betriebe lässt die BSCI im Jahr von eigenen Auditoren überprüfen. Außerdem sitzt die Organisation mit dem Arbeitsministerium an einem „runden Tisch“, an dem es nicht nur um Löhne geht, sondern auch um die soziale Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken. „Bei der Umsetzung der sozialen Standards haben wir noch viel vor uns“, gibt von Mitzlaff unumwunden zu.


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