Bildquelle: Confiserie Felicitas
Manufaktur
Schokoladenseite der Lausitz
Ein belgisches Ehepaar bereichert den südöstlichsten Zipfel Brandenburgs mit einer exquisiten Pralinenproduktion: der Confiserie Felicitas.
Text: Matthias Kersten,
05. Dezember 2011
Confiserie Felicitas Richtung Döbern“ signalisiert ein auffallend großes Hinweisschild, wenn man die A13 von Berlin nach Breslau kurz vor der polnischen Grenze verlässt. Das lässt darauf schließen, dass die Schokoladen- und Pralinenmanufaktur häufig Besuch bekommt. Und noch etwas fällt auf: Hier in der Lausitz, im südöstlichsten Zipfel Brandenburgs, lebt man offenbar zweisprachig — kein Orts- oder Straßenschild ohne doppelte Beschriftung, in deutsch und in sorbisch. Es ist eine verwunschene Gegend mit viel Wasser, ausgedehnten Wäldern und saftigen Wiesen. Nach etwa 15 km Landstraße ist das Ziel erreicht: Hornow, eine kleine Gemeinde mit heute rund 600 Einwohnern. Noch ein paar Biegungen, und ein gelbes Gebäude leuchtet durch einen sorgfältig gepflegten Vorpark: das Stammhaus der Confiserie Felicitas.
„Wir sind einfach glücklich hier“, begrüßt Goedele Matthyssen den Besucher im Hofladen des Hauptgebäudes. „Unser Firmenname ist folglich Programm“, fügt sie schmunzelnd hinzu, „denn auch unsere Kunden wollen und können wir mit unseren Produkten glücklich machen.“ Wer nun meint, der außergewöhnliche Familienname der quirligen Inhaberin lasse auf eine sorbische Herkunft schließen, täuscht sich: Goedele Matthyssen und ihr Mann Peter Bienstman stammen aus Belgien. Seit fast 20 Jahren leben und arbeiten sie in Hornow.
Belgische Schokolade aus der Lausitz — wie entsteht eine auf den ersten Blick so abenteuerliche Geschichte? Geboren wurde die Idee im fernen Nigeria, wo beide Ende der 80er-Jahre als Entwicklungshelfer tätig waren. Nach mehrjährigem Einsatz hielt es das Ehepaar für an der Zeit, dem Leben eine Wende zu geben und sich selbstständig zu machen. Was aber tun und wo? Noch in Nigeria erzählten ihnen deutsche Freunde von der wunderschönen Lausitz — und den maßvollen Grundstückspreisen. Also verbrachten sie ihren nächsten Urlaub im Südosten Brandenburgs und erkundeten die Region. „Wir haben uns auf der Stelle in die Gegend verliebt“, schwärmt Goedele Matthyssen noch heute. Die neue Heimat war also gefunden — blieb noch die entscheidende Frage, womit sich Geld verdienen ließ. Die Antwort lag auf der Hand: Wer sonst als ein belgisches Ehepaar sollte den hervorragenden Ruf edler Schokoladenprodukte verkörpern! Das war und ist authentisch. Also ließ sich die junge Frau in Belgien als Chocol atier ausbilden, während ihr Mann nach einem geeigneten Standort Ausschau hielt. In Hornow wurde er fündig und mietete eine ziemlich herunter gekommene LPG-Scheune, die aber einen wesentlichen Vorteil aufwies: Ein Teil des Gebäudes hatte ursprünglich als Küche und Aufenthaltsraum der genossenschaftlichen Arbeiter gedient — das reichte fürs erste, um die Produktion von Pralinen und Tafelschokolade aufzunehmen. So begann es, gewissermaßen als Zwei-Leute-Betrieb.
Heute beschäftigt das Ehepaar rund 50 Mitarbeiter. Seit wenigen Jahren rundet ein geräumiger Neubau, in dem sich auch der stark frequentierte Hofladen befindet, das Ensemble ab. Inzwischen betreibt das agile Unternehmerpaar zusätzlich eigene Läden in Dresden und Potsdam. Die handgearbeiteten Produkte werden allerdings nicht nur in Eigenregie vertrieben: Mehr als 500 Geschäfte in ganz Deutschland zählt die Confiserie zu ihren Kunden.
In der 600-Seelen-Gemeinde ist das Familienunternehmen ein „Wirtschaftsfaktor“ als Arbeitgeber und Steuerzahler. Aber es ist auch ein Exot unter den landwirtschaftlich und handwerklich strukturierten Betrieben. Kein Wunder also, dass die Bevölkerung das ungewohnte Treiben in der Dorfstraße 15 anfangs verwundert, im Laufe der Jahre aber mit zunehmender Bewunderung registrierte. Wegen der maßvollen, aber stetigen Expansion sind die Kapazitätsgrenzen erreicht, so dass die beiden Belgier in der Nachbarschaft Ausschau nach geeigneten Grundstücken und Immobilien halten. Alles in allem fügt sich das Unternehmen mit seiner handwerklichen Philosophie nahtlos in die ursprüngliche und gewachsene Art des Wirtschaftens ein. Der Begriff „Manufaktur“ ist in Hornow keine leere Worthülse: Die aus Belgien eingeführte Rohware wird von Hand verarbeitet und nach Kundenwunsch individuell gefertigt. Gerade sind mehrere Mitarbeiterinnen damit beschäftigt, die festen Hohlkörper und Pralinen aus br auner Masse mit flüssiger weißer Schokolade zu verzieren und zu beschriften. Die äußerst filigrane Arbeit setzt buchstäblich viel Fingerspitzengefühl voraus. Und nebenan wächst nach 3D-Muster die portugiesische Insel Madeira auf einer 20 mal 30 cm großen Schokoladenplatte — eine kunstvolle Arbeit, die ein Genießer und Liebhaber jenes ewig frühlinghaften Eilandes in Auftrag gegeben hat.
Ausgefallenen Formen und Ideen sind in Hornow keine Grenzen gesetzt. In den Regalen des Hofladens findet man neben dem klassischen Sortiment, der Saison gemäß, derzeit etliche Artikel mit weihnachtlichen Motiven: seien es die aus Hohlkörpern gefertigten und verzierten Weihnachtsmänner und Schlittengespanne oder die als süßer Gruß gestalteten festlichen Postkarten; seien es die mit Pralinen bestückten Weihnachtssterne, Walnüsse und Tannenzapfen in Großformat oder die kunstvoll gefertigten Weihnachtsbäume in Kleinformat.
Bei aller Liebe zum Detail haben Matthyssen und Bienstman den Blick fürs große Ganze nicht verloren. Das ist nicht nur eine Frage der Neugier, sondern auch der Tatsache geschuldet, dass die Zahl der Verbraucher in der heimischen Region in den kommenden Jahrzehnten ausgedünnt wird. Allein im Landkreis Cottbus wird neuesten Statistiken zufolge die Bevölkerungszahl bis zum Jahr 2030 um 22 Prozent zurückgehen. Dem prognostizierten Verbraucherschwund begegnet das belgische Ehepaar schon heute durch Erschließung neuer Absatzmärkte. Das jüngste und viel versprechende Vorhaben ist ein Laden auf dem Großflughafen BBI, der im Sommer nächsten Jahres eröffnet wird. Dort will man unter den Fittichen eines großflächigen Süßwarenladens ein Shop-in-Shop-Geschäft mit den in Hornow gefertigten Schokoladen-Artikeln betreiben.
Dieses Projekt wiederum brachte eine weitere Überlegung ins Spiel: „Wir müssen unseren Produkten“, erzählt Goedele Matthyssen, „eine Verpackung geben, die unsere zerbrechliche Ware im engen Reisegepäck angemessen schützt. Und wenn wir schon die Verpackung ändern, dann wollen wir auch unseren Markenauftritt aufmöbeln — sprich: modernisieren.“ Also hat man eine Agentur beauftragt, die etwas hausbackene Wort-/Bildmarke aufzupeppen. „Handwerkliche Arbeit heißt immer Exklusivität“, ergänzt Peter Bienstman, „das positive Image muss durch Logo und Verpackung vermittelt werden.“ Auf diese Weise zieht ein Stück Zukunft in Hornow ein. Bei aller Aufgeschlossenheit für Veränderung und modernes Marketing soll der alten Wahlspruch indessen bleiben: Das Unternehmen repräsentiert „Die Schokoladenseite der Lausitz.“
www.confiserie-felicitas.de
„Wir sind einfach glücklich hier“, begrüßt Goedele Matthyssen den Besucher im Hofladen des Hauptgebäudes. „Unser Firmenname ist folglich Programm“, fügt sie schmunzelnd hinzu, „denn auch unsere Kunden wollen und können wir mit unseren Produkten glücklich machen.“ Wer nun meint, der außergewöhnliche Familienname der quirligen Inhaberin lasse auf eine sorbische Herkunft schließen, täuscht sich: Goedele Matthyssen und ihr Mann Peter Bienstman stammen aus Belgien. Seit fast 20 Jahren leben und arbeiten sie in Hornow.
Belgische Schokolade aus der Lausitz — wie entsteht eine auf den ersten Blick so abenteuerliche Geschichte? Geboren wurde die Idee im fernen Nigeria, wo beide Ende der 80er-Jahre als Entwicklungshelfer tätig waren. Nach mehrjährigem Einsatz hielt es das Ehepaar für an der Zeit, dem Leben eine Wende zu geben und sich selbstständig zu machen. Was aber tun und wo? Noch in Nigeria erzählten ihnen deutsche Freunde von der wunderschönen Lausitz — und den maßvollen Grundstückspreisen. Also verbrachten sie ihren nächsten Urlaub im Südosten Brandenburgs und erkundeten die Region. „Wir haben uns auf der Stelle in die Gegend verliebt“, schwärmt Goedele Matthyssen noch heute. Die neue Heimat war also gefunden — blieb noch die entscheidende Frage, womit sich Geld verdienen ließ. Die Antwort lag auf der Hand: Wer sonst als ein belgisches Ehepaar sollte den hervorragenden Ruf edler Schokoladenprodukte verkörpern! Das war und ist authentisch. Also ließ sich die junge Frau in Belgien als Chocol atier ausbilden, während ihr Mann nach einem geeigneten Standort Ausschau hielt. In Hornow wurde er fündig und mietete eine ziemlich herunter gekommene LPG-Scheune, die aber einen wesentlichen Vorteil aufwies: Ein Teil des Gebäudes hatte ursprünglich als Küche und Aufenthaltsraum der genossenschaftlichen Arbeiter gedient — das reichte fürs erste, um die Produktion von Pralinen und Tafelschokolade aufzunehmen. So begann es, gewissermaßen als Zwei-Leute-Betrieb.
Heute beschäftigt das Ehepaar rund 50 Mitarbeiter. Seit wenigen Jahren rundet ein geräumiger Neubau, in dem sich auch der stark frequentierte Hofladen befindet, das Ensemble ab. Inzwischen betreibt das agile Unternehmerpaar zusätzlich eigene Läden in Dresden und Potsdam. Die handgearbeiteten Produkte werden allerdings nicht nur in Eigenregie vertrieben: Mehr als 500 Geschäfte in ganz Deutschland zählt die Confiserie zu ihren Kunden.
In der 600-Seelen-Gemeinde ist das Familienunternehmen ein „Wirtschaftsfaktor“ als Arbeitgeber und Steuerzahler. Aber es ist auch ein Exot unter den landwirtschaftlich und handwerklich strukturierten Betrieben. Kein Wunder also, dass die Bevölkerung das ungewohnte Treiben in der Dorfstraße 15 anfangs verwundert, im Laufe der Jahre aber mit zunehmender Bewunderung registrierte. Wegen der maßvollen, aber stetigen Expansion sind die Kapazitätsgrenzen erreicht, so dass die beiden Belgier in der Nachbarschaft Ausschau nach geeigneten Grundstücken und Immobilien halten. Alles in allem fügt sich das Unternehmen mit seiner handwerklichen Philosophie nahtlos in die ursprüngliche und gewachsene Art des Wirtschaftens ein. Der Begriff „Manufaktur“ ist in Hornow keine leere Worthülse: Die aus Belgien eingeführte Rohware wird von Hand verarbeitet und nach Kundenwunsch individuell gefertigt. Gerade sind mehrere Mitarbeiterinnen damit beschäftigt, die festen Hohlkörper und Pralinen aus br auner Masse mit flüssiger weißer Schokolade zu verzieren und zu beschriften. Die äußerst filigrane Arbeit setzt buchstäblich viel Fingerspitzengefühl voraus. Und nebenan wächst nach 3D-Muster die portugiesische Insel Madeira auf einer 20 mal 30 cm großen Schokoladenplatte — eine kunstvolle Arbeit, die ein Genießer und Liebhaber jenes ewig frühlinghaften Eilandes in Auftrag gegeben hat.
Ausgefallenen Formen und Ideen sind in Hornow keine Grenzen gesetzt. In den Regalen des Hofladens findet man neben dem klassischen Sortiment, der Saison gemäß, derzeit etliche Artikel mit weihnachtlichen Motiven: seien es die aus Hohlkörpern gefertigten und verzierten Weihnachtsmänner und Schlittengespanne oder die als süßer Gruß gestalteten festlichen Postkarten; seien es die mit Pralinen bestückten Weihnachtssterne, Walnüsse und Tannenzapfen in Großformat oder die kunstvoll gefertigten Weihnachtsbäume in Kleinformat.
Bei aller Liebe zum Detail haben Matthyssen und Bienstman den Blick fürs große Ganze nicht verloren. Das ist nicht nur eine Frage der Neugier, sondern auch der Tatsache geschuldet, dass die Zahl der Verbraucher in der heimischen Region in den kommenden Jahrzehnten ausgedünnt wird. Allein im Landkreis Cottbus wird neuesten Statistiken zufolge die Bevölkerungszahl bis zum Jahr 2030 um 22 Prozent zurückgehen. Dem prognostizierten Verbraucherschwund begegnet das belgische Ehepaar schon heute durch Erschließung neuer Absatzmärkte. Das jüngste und viel versprechende Vorhaben ist ein Laden auf dem Großflughafen BBI, der im Sommer nächsten Jahres eröffnet wird. Dort will man unter den Fittichen eines großflächigen Süßwarenladens ein Shop-in-Shop-Geschäft mit den in Hornow gefertigten Schokoladen-Artikeln betreiben.
Dieses Projekt wiederum brachte eine weitere Überlegung ins Spiel: „Wir müssen unseren Produkten“, erzählt Goedele Matthyssen, „eine Verpackung geben, die unsere zerbrechliche Ware im engen Reisegepäck angemessen schützt. Und wenn wir schon die Verpackung ändern, dann wollen wir auch unseren Markenauftritt aufmöbeln — sprich: modernisieren.“ Also hat man eine Agentur beauftragt, die etwas hausbackene Wort-/Bildmarke aufzupeppen. „Handwerkliche Arbeit heißt immer Exklusivität“, ergänzt Peter Bienstman, „das positive Image muss durch Logo und Verpackung vermittelt werden.“ Auf diese Weise zieht ein Stück Zukunft in Hornow ein. Bei aller Aufgeschlossenheit für Veränderung und modernes Marketing soll der alten Wahlspruch indessen bleiben: Das Unternehmen repräsentiert „Die Schokoladenseite der Lausitz.“
www.confiserie-felicitas.de
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