Donnerstag, 17. April 2014
Bildquelle: Gina Tricot
Shopping-Konzepte

Billig — geht’s noch?

Internationale Filialisten stürmen auf den deutschen Markt: mit Textilien für ein junges Publikum — zu kleinen Preisen.
Text: Silke Bohrenfeld, 19. April 2012
Es ist wie vor einem Popkonzert: An der Tür steht eine Traube von Teenies, Schaulustigen, Touristen, Kameramännern, Fotografen — und wartet. Schon seit Stunden. Ein unruhiges, erwartungsvolles Summen liegt in der Luft, ein nervöses Giegeln und aufgeregtes Flüstern. Dann jedoch, gegen 17 Uhr, steigt der Geräuschpegel, es kommt Bewegung in die Menge. Aber nicht, weil die Boys von Kraftwerk oder Lady Gaga auftauchen. Nein. Die amerikanischen Multilabelkonzeptler von Urban Outfitters öffnen am Neuen Kranzler Eck auf dem Berliner Ku’damm eine zweite Filiale und haben sich dafür etwas ganz Besonderes ausgedacht: eine kleine Launch-Party mit Live-Musik und Freigetränken. Und sie laden ein: zum hemmungslosen Shoppen. Bereits im Frühjahr 2012 hat Urban Outfitters in Berlins Mitte den ersten Shop erfolgreich eröffnet. Nun möchte das Unternehmen auch in Charlottenburg Jeans, Taschen, Hosen, Unterwäsche, Bademode, Schuhe und Accessoires für Teenies und jung geb liebene Erwachsene anbieten. Also: stylische Mode zu kleinen Preisen. Ein Konzept, mit dem Textilketten wie Urban Outfitters, Primark, Bershka, Gina Tricot und andere junge Modeketten lokal den deutschen Modemarkt entern und mit ihren Preisen ansässige Bekleidungsfachmärkte wie C&A oder H&M ordentlich ins Schwitzen bringen. Sie alle wollen von der Modelust der Deutschen profitieren. Denn der Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels hat 2011 in Folge ein Umsatzplus von 2 Prozent festgestellt. Eine Entwicklung, durch die Deutschland in den vergangenen Jahren zum Darling internationaler Investoren aufgestiegen ist. Immer neue Verkaufsflächen entstehen, immer neue Filialisten drängen auf den Markt. „Der wirkliche Multi-Brand-Fachhandel wird davon jedoch nicht tangiert“, sagt Jürgen Dax, Hauptgeschäftsführer BTE.

Vor allem der aus Irland stammenden Modekette Primark rennen die Kunden die Tür ein. Seit 2009 ist die Kette, die frau von Shopping-Trips in der Londoner Oxford Street kennt, in Deutschland. Mittlerweile betreibt das Unternehmen sieben Primark-Geschäfte in Bremen, Dortmund, Essen, Hannover, Gelsenkirchen, Frankfurt und Saarbrücken. Weitere Filialen sind auch 2012 geplant. „Unser Konzept ist: günstige und hochwertige Mode in Innenstadtlagen in der Großfläche zu verkaufen“, sagt Michael Freese, Expansionsleiter Primark. Konkret heißt das: Sommerkleider für 4 Euro, Trenchcoats für 6 Euro, Gürtel für 2 Euro, Handtaschen für 5 Euro: Angebote, mit denen die Iren die Kunden in ihre Geschäfte locken. „Look good, pay less“ lautet das Motto des Unternehmens, das mit diesem Preiskonzept vor allem Modeanbietern wie H&M, C&A, New Yorker oder Zara Konkurrenz machen will. Diese Kampfpreise funktionieren jedoch nur, wenn gewaltige Mengen über die Laden tische gehen. Sonst würde kein Gewinn hängen bleiben. Deshalb setzt die Modekette auf Flächen ab mindestens 9.000 qm und auf eine enorme Umschlaghäufigkeit. Drei-bis viermal am Tag wird jede Filiale mit frischer Ware versorgt. Eine logistische Meisterleistung, die jedoch mittlerweile an ihre Grenzen stößt. Deshalb wird ein Logistikzentrum gebaut, das Ende 2012 fertig sein soll. Außerdem ist bei der Arbeit mit hohen Stückzahlen eine optimierte Ablauforganisation mit extrem niedrigen Betriebskosten überlebenswichtig. „Wir verzichten beispielsweise auf teure Werbekampagnen“, berichtet Wolfgang Krogmann, Manager Nordeuropa von Primark. Über die Eröffnung am Ku’damm wurde im Wesentlichen auf der Homepage informiert.

Die Werbekampagnen von Gina Tricot sind dagegen nicht zu übersehen. Bevor das skandinavische Modeunternehmen, mit mittlerweile elf Filialen am deutschen Markt, im letzten Sommer eine Filiale auf der Berliner Friedrichstraße eröffnete, war Berlin-Mitte mindestens ein viertel Jahr lang weiträumig mit riesigen auffälligen Plakaten bepflastert. Auch sonst gibt es Unterschiede zwischen den beiden Textilketten. So sagt Wolfgang Krogmann: „Wir richten unser Angebot an die ganze Familie, also Frauen, Männer und Kinder, haben allerdings einen starken Fokus auf die junge Zielgruppe unter 35, die vor allem an Mode und Trends interessiert ist“ und spannt die Zeilgruppe damit relativ weit. Dagegen konzentriert sich Gina Tricot auf „Frauen, die Interesse an Mode haben, unabhängig vom Alter.“ Das Sortiment bietet von Hosen, Jacken, T-Shirts, Pullover, Accessoires wie Taschen, Mützen, Schals bis hin zu Schmuck alles, was das Frauenherz höher schlagen lässt.

Bei der Preisgestaltung dagegen treffen sich beide Modeunternehmen wieder. „Wir bewegen uns leicht unterhalb des mittleren Preisbereichs“, veröffentlicht die Pressestelle von Gina Tricot. Die kleinen Preise können gehalten werden, weil die Filialen relativ spartanisch ausgestattet sind. „Die Ware steht im Vordergrund. Wir legen großen Wert auf eine optische Präsentation der verschiedenen Trends und einen harmonischen Farbverlauf“, so Gina Tricot. Aber auch hier werden die Styles schnell gewechselt, um die Umschlaghäufigkeit zu erhöhen und die Kunden zu Käufen zu animieren. Diese hohe Schlagzahl in der Mode funktioniert auch deshalb, weil Trends mittlerweile immer einheitlicher werden und Kollektionen fast identisch in Japan und Deutschland verkauft werden können. Möglich ist dies durch das Internet, wo sich Mode-Interessierte aller Länder und Kulturkreise zeitgleich über die neuesten Trends informieren.

Eine Erfahrung, die auch das US-Unternehmen Forever 21 mit seinem Onlineshop gemacht hat, der erst im November 2011 europaweit gestartet ist. Die Verkäufe waren so erfolgreich, dass Forever 21 nun auch in Europa stationär durchstarten will. Nach der letzten Shop-Eröffnung in Österreich und motiviert von den Erfolgen der preiswerten Modeketten in Deutschland, steht der deutsche Markt ganz oben auf der Agenda von Forever 21. Schon seit geraumer Zeit reisen Manager des britischen Immobilien-Spezialisten Harper Dennis Hobbs auf der Suche nach großen Immobilien in Europa umher. Die Expansionsgeschwindigkeit in Deutschland hängt eigentlich nur von der Verfügbarkeit geeigneter Standorte ab. Denn Forever 21 kapriziert sich auf 1-a-Lagen in Metropolen und große Verkaufsflächen. Das Unternehmen ist vor allem dafür bekannt, dass es in die Jahre gekommene Warenhäuser übernimmt und den Immobilien dann mit seinen Fast-Fashion-Department-Stores neues Leben einhaucht. S o überrascht es auch nicht, dass Forever 21 in das ehemalige Karstadthaus in der Münchener Neuhauser Straße einziehen will. Zurzeit wird die Immobilie neu entwickelt. Im Herbst 2013 soll die Neueröffnung stattfinden. Aber auch Trendmaker in Berlin, Hamburg, Köln und Frankfurt können sich freuen. Denn diese Metropolen stehen ebenfalls auf der Liste der amerikanischen Kette.

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