Der Handel fasziniert. Wer hier seine Berufslaufbahn startet, kann es rasch sehr weit bringen — Verantwortung, soziale Kompetenz und Abwechslung inklusive.
Text: Andrea Kurtz
Gutes, qualifiziertes, kompetentes Personal zu finden, sei sehr schwierig, sagt Edekaner Marco Hauschildt. „Also bilden wir selbst aus — und können die Stärken und die Faszination des Handels so am besten zeigen.“ Hauschildt bringt damit auf den Punkt, was Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt allerorten kundtut: „Der demografische Wandel kommt nicht irgendwann, er findet längst statt.“ Politik und Wirtschaft müssten gemeinsam handeln, um dem bereits sichtbaren Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Kaufmann Hauschildt hat selbst eine Bilderbuchkarriere hingelegt und steht damit für viele, die im deutschen Einzelhandel durchstarten — oder über einen Einstieg nachdenken. Dabei hat sich das Image, gerade des Lebensmittelhandels, längst gewandelt. Als Job zweiter Wahl sieht die Branche kaum noch jemand. Lange Öffnungszeiten, Kistenschleppen oder Regale einräumen halten die meisten Berufseinsteiger nicht mehr davon ab, sich bei den Unternehmen von Metro bis Peek&Cloppenburg umzuschauen. Und es sind auch nicht mehr nur junge Leute mit Haupt- oder Realschulabschluss, die nach den angebotenen Karrierewegen greifen. „Unter meinen Azubis sind drei Abiturienten, die durch ihre Aushilfsjobs auf den Handel aufmerksam wurden“, berichtet Hauschildt. „Das sind tolle junge Leute mit sehr guten Noten.“ Rund 60 Prozent der erfolgreichen Prüflinge werden von ihren Ausbildungsbetrieben auch übernommen; nicht wenige Unternehmen berichten sogar von deutlich höheren Quoten. „75 bis 90 Prozent sind keine Seltenheit“, bestätigt HDE-Geschäftsführer und Ausbildungsexperte Wilfried Malcher.
Die deutschen Handelsunternehmen investieren Jahr für Jahr erhebliche Milliardenbeträge in die Qualifikation der Beschäftigten. So ermittelte aktuell das Bundesinstitut für Berufsbildung, dass die Ausbildung jährliche Bruttokosten von durchschnittlich 13.977 Euro erfordert — bei allein gut 78.000 Auszubildenden, die den Beruf Kaufmann oder -frau im Einzelhandel erlernen, ist dies ein jährliches Investitionsvolumen von 1,1 Mrd. Euro. Wegen der seit 2004 allein in diesem Beruf um rund 9.000 gestiegenen Auszubildendenzahl sei auch das jährliche Investitionsvolumen um rund 125 Mio. Euro angewachsen, erläutert Malcher. Der Einzelhandel hat derzeit insgesamt mehr als 165.000 junge Menschen in der Ausbildung. „Hinzu kommen also noch die Investitionen für die Ausbildung weiterer 87.000 junger Menschen“, sagt Malcher. „Auch wenn zu den berufsspezifischen Ausbildungskosten der übrigen Berufe — bezogen auf den Handel — kaum Informationen vorliegen, kann man davon ausgehen, dass die tatsächlichen jährlichen Ausbildungsinvestitionen des Einzelhandels jetzt die 2-Mrd.-Euro-Marke überschritten haben.“ Speziell über die Weiterbildungsinvestitionen gibt es keine aktuellen repräsentativen Untersuchungen. 2005 sprach die EU in einer Studie von rund 1 Mrd. Euro, die jährlich investiert werde. Berücksichtigt wurde dort aber nur die Weiterbildungsform „Lehrveranstaltungen“. „Aber auch für die vielen anderen Weiterbildungsformen wie E-Learning, Coaching, Training on the job oder Informationsveranstaltungen fallen erhebliche Investitionen an“, ergänzt der HDE-Ausbildungsexperte.
Die Handelsunternehmen selbst tun ein Übriges, um junge Leute nach Kräften zu fördern und ihnen früh Verantwortung zu übertragen. Marco Hauschildt lobt die Edeka mit ihrem Qualifizierungsmix, der allen jungen Mitarbeitern zur Aus- und Weiterbildung zur Verfügung steht. Ganz neu ist dabei auch ein Trainee-Programm, mit dem speziell Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen ins Boot geholt werden sollen. Guido Stahn, Geschäftsleiter bei Real, berichtet vom Entwicklungsprogramm der Metro Group für alle ihre Vertriebsschienen, C&A, Wöhrl, Tengelmann oder Rewe und deren Kaufleute sind bereits für ihr Engagement mehrfach geehrt worden. Das auch aus den eigenen Reihen; so wurde Hauschildt kürzlich Edeka-intern mit dem Nachwuchsförderpreis für den selbstständigen Einzelhandel ausgezeichnet. Er feierte mit all seinen Mitarbeitern groß: Das jährliche Sommerfest wurde zur rauschenden Party mit Cocktails und Musik. Die Rewe Group wurde im Frühjahr vom Marktforschungsinstitut CFR zum „Top Arbeitgeber Deutschlands“ gekürt. Zusätzlich konnten die Kölner ihr Ranking beim Arbeitgeber-Image des Marktforschungsinstituts Trendence um 33 Plätze verbessern. Auch die mittelständischen Unternehmen wie die Baumarktkette Knauber, Konsum Dresden oder Konsum Leipzig haben sich schlüssige Aus- und Weiterbildungsprogramme verordnet. Und manchmal ist es einfach das Vorbild des Chefs selbst, das die Azubis zur Nachahmung anregt — gerade bei vielen selbstständigen, kleinen Händlern. Die Zahlen dazu aus dem aktuellen Datenreport 2010 des BIBB (Bundesinstitut für Berufsbildung) lesen sich beeindruckend: Die Ausbildungsquote hat knapp 8 Prozent erreicht; fast 65.000 Betriebe, mehr als ein Viertel der Handelsunternehmen, bilden aus. Die Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels beteiligen sich stärker an der Ausbildung als die übrigen Branchen: Hier liegt die Ausbildungsquote bei über 30 Prozent.
Dabei stellen sich die Ausbilder den gesellschaftlichen Anforderungen an den modernen Handel und vermitteln ihren Schützlingen nicht nur reines Faktenwissen, sondern vor allem soziale und umweltpolitische Kompetenz. „Ökologie und Umweltschutz sind in den Aus- und Fortbildungsverordnungen ganz normaler Inhalt und nicht verzichtbar“, bestätigt HDE-Geschäftsführer Malcher. Das betreffe nicht nur Auszubildende im Verkauf, sondern in allen Bereichen. „Handelsunternehmen schieben im Rahmen ihrer Gesamtstrategien Umwelt und Nachhaltigkeit sehr stark in den Vordergrund und kommunizieren dies auch gegenüber den Kunden“, sagt Malcher. Alle Mitarbeiter müssten entsprechend qualifiziert werden, um diese Unternehmensstrategie selbst leben und glaubhaft darstellen zu können, und das nicht nur im Bereich ökologischer Produkte oder der Energieeinsparung. Die Metro Group beispielsweise berücksichtigt in ihren Aus- und Weiterbildungsinitiativen auch Anforderungen wie soziales Engagement oder Nachhaltigkeit. Seit 1999 organisieren die Düsseldorfer jedes Jahr ein 'Azubi-Sozialengagement'. Dabei kommen rund 30 Auszubildende aus ganz Deutschland zusammen, um sich gemeinsam eine Woche lang für ein soziales Projekt einzusetzen. So wurden eine Kölner Berufsschule renoviert, ein Weihnachtsmarkt zugunsten von Straßenkindern in St. Petersburg organisiert, die Betreuung von Schwerstbehinderten übernommen. „Auszubildende, die sich zuvor nicht kannten, arbeiten gemeinsam und aktiv zum Wohle anderer: So wollen wir die soziale Kompetenz und die Teamfähigkeit entwickeln“, erklärt Olaf Stieper, zuständig für den Bereich Personal & Soziales bei Metro. In diese Richtung geht auch die verzahnte Ausbildung mit Berufsbildungswerken. Darin bekommen (lern-)behinderte Jugendliche die Möglichkeit, den praktischen Teil ihrer Ausbildung direkt in den Metro-Vertriebslinien zu absolvieren — im realen Berufsumfeld.
Auch auf globale Aufgaben sollen die jungen Handelsleute reagieren können. „Fit for international future“ nennt das die Metro und entsendet seit 2007 eine größere Gruppe von Azubis ins Ausland. Dort arbeiten sie in Märkten oder den Verwaltungen, lernen Land und Leute auf Ausflügen oder beim Kneipenbummel kennen. „Mobilität fördern, Sprachkenntnisse verbessern, interkulturelles Verständnis für andere Lebensstile und Arbeitsweisen wecken“: Metro-Mann Stieper schätzt das EU-zertifizierte Projekt außerordentlich. „Die Helden des Handels navigieren uns tagtäglich durch ein ständig komplexer und unübersichtlicher werdendes Warenangebot in einem immer globaleren Markt“, betont auch Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Einzelhandelsverbands Baden-Württemberg.
Über den Tellerrand schauen können — aber auch müssen. Und dafür schnelle Karriereschritte machen zu können. Das schätzen die jungen Menschen am Handel. Es gibt kaum eine Branche, in der das so vielfältig gelingt — und gelingen muss. Sollte unter den Lesern jemand noch von den Vorzügen des Handels überzeugt werden wollen, sei ihm die Seite von Elektronikkonzern Euronics empfohlen. Das Unternehmen hat sein Online-Bewerberportal (www.ausbildung-euronics.de) komplett überarbeitet und bietet detaillierte Suchmasken an. Außerdem können sich die Ausbildungsbetriebe vorstellen. „Gute Azubis fallen nicht vom Himmel und sind auch keine Glückssache“, sagt Vorstand Benedict Kober. Noch moderner arbeitet übrigens die Metro-Tochter Media-Saturn: Hier wird per App für den attraktiven Studiengang „International Retail Management“ rekrutiert.
